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Freitag, 14. April 2017
Von: Eileen
 

Die Türkei steht zurzeit wieder im Fokus. Mit Sorge wird das Ergebnis des Referendums am 16. April erwartet, bei dem über die Einführung eines Präsidialsystems abgestimmt wird. Noch ist nicht eindeutig klar, wie die Wahl ausgehen wird. Doch die Spaltung in das „Evet“- („Ja“) und „Hayır “-Lager („Nein“) macht den Riss in der Gesellschaft noch tiefer und schürt Ängste und Wut.

Ich habe im März zwei junge Menschen in der Türkei getroffen und mit ihnen über die dortige Situation gesprochen. Elif* und Ümit* werden „Nein“ wählen, doch die Zukunft scheint trotz allem dunkel.

Es ist irgendwann Mitte März in Istanbul. Der Himmel ist noch grau und auch die Tulpen blühen noch nicht. Wir sitzen in einem belebten Szene-Café. Aus den Lautsprechern singt U2 „One love, one life...“, an den Wänden hängen Holzstühle und Glühbirnen baumeln von dicken Seilkordeln. An zusammengenagelten Holzbrettern hängen Zettel auf denen die Cafébesucher Wünsche schreiben können – eine Art Wunschbaum.

Gegenüber von mir sitzt Elif. Die 24jährige Türkin schlürft ihren Kaffee auf dem ein bisschen Milchschaum schwimmt. Was glaubst du wird beim Referendum rauskommen, frage ich sie.

 

Im Grunde bin ich ziemlich sicher, dass das Ergebnis “Ja” sein wird. Selbst wenn es “Nein” ist, die Regierung wird daraus ein „Ja“ machen.

 

Elif ist im Westen der Türkei aufgewachsen. Sie hat Informatik studiert, war in Indien und hat im letzten Jahr ein Praktikum in München gemacht. Sie teilt die Werte des Staatsgründers Atatürk und wünscht sich eine moderne und weltoffene Türkei.

Das Misstrauen bei ihr ist groß. Das Land hat sich vor allem in den letzten Jahren unter der AKP drastisch gewandelt. Ein “Ja” beim Referendum, so glaubt sie, würde dieses noch verschlimmern.

 

Die Türkei ist konservativer geworden. Ich bin ziemlich sicher, dass die Türkei ein Land wie der Iran wird, vielleicht noch schlimmer.

 

Istanbul verschwindet immer mehr unter riesigen Bannern. Neben dem Gesicht von Präsident Erdoğan leuchtet in kräftig roten Lettern „Evet“. Istanbuls Ja-Kampagne ist stark und hat vor allem im März begonnen die Stadt mit Transparenten zu verhüllen. Doch mittlerweile holt trotz Repression das Nein-Lager auf, sodass zurzeit kein eindeutiges Ergebnis bei der Wahl abzusehen ist. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Auf den Bannern des Hayır –Lagers ist ein lächelndes Mädchen zu sehen mit zwei Flechtzöpfen und bunter Sonne: „Für meine Zukunft – Hayır“. Das Evet-Pendant zeigt ein lächelndes Mädchen mit Kopftuch: „Für unabhängige und unparteiische Gerichtsbarkeit – Mit meinem ganzen Herzen – Evet.“ Der Satz wirkt ein bisschen zynisch, denn die Richter möchte der derzeitige Präsident Recep Tayyip Erdoğan zukünftig selbst ernennen.

In der westlich von Istanbul gelegenen Industriestadt Çorlu fahren die Lautsprecher-Wagen vom Ja- und Nein-Lager um die Wette. Nein-Sager verteilen Flyer im Zentrum, während am nächsten Tag Parteimitglieder der AKP kontern, indem sie kostenlose Sesamringe in Evet-Schachteln verteilen.

Ich spreche mit dem 30Järigen Maschinenbauingenieur Ümit. Er fühlt sich der kemalistischen und sozialdemokratischen Partei CHP nahe und wird Mitte April ebenfalls mit „Nein“ stimmen. Der jetzigen Entwicklung schaut er besorgt entgegen:

 

Die Türkei ist immer so. Wie ein Sinusdiagramm, manchmal negativ, manchmal positiv.

Jetzt gehen wir ein bisschen runter, aber es könnte stärker werden. Davor habe ich Angst. Alles kann sein. Die Kraft ist jetzt gefährlich.

 

Wie gefährlich diese Kraft ist, macht sich vor allem bei den anhaltenden Repressalien der Pressefreiheit deutlich. Mittlerweile sind in der Türkei weltweit die meisten Journalisten inhaftiert. Aber auch die Diffamierung von Andersdenkenden hält an. Ümit mag auf der Straße nicht mehr über Politik sprechen.

 

Ein anderes Problem ist zum Beispiel, dass die AKP etwas sagt oder etwas regeln möchte. Wenn du eine Gegenmeinung beim Diskutieren hast, hast du keine Chance. Also in dieser Situation bist du entweder ein Terrorist oder ein europäischer Spion.

 

Auf die Frage, wie er seine Zukunft in der Türkei sieht antwortet er schlicht:

 

Sehr dunkel.

 

Aber was tun? In der Türkei bleiben oder einfach weg? Ümit hat zwei Jahre in Deutschland gelebt, wollte dort studieren, vielleicht eine Zukunft aufbauen. Das Versagen beim Deutschtest und das Heimweh sorgten dafür, dass er nach Ablauf des Visums zurückkam.

 

Manchmal überlege ich nach Europa oder in die USA zu gehen, aber es ist nicht einfach. Hier ist meine Heimat. Zuerst muss ich kämpfen. Zwei Jahre habe ich in Deutschland gelebt. Da war ich nicht so glücklich. Wegen Rassismus. Ich bin immer Ausländer in Deutschland.

 

Auch für Elif ist der Gedanke schwer, sich eine Zukunft außerhalb der Türkei vorzustellen. Sie hat gute Erfahrungen in Deutschland gemacht, auch wenn sie vorher ein schlechtes Bild der deutschen Kultur im Kopf hatte. Doch eine Zukunft im Ausland?

 

Ich habe fast fünf Monate in Deutschland gelebt und hatte so viele Vorurteile über Deutschland, bevor ich ging. Aber ich hatte ein paar deutsche Freunde. Sie haben mir ihre Gastfreundschaft gezeigt und ich war froh darüber.

Aber ich war nicht glücklich in Deutschland, weil hier mein Zuhause ist. Ich kann die Sprache, die hier gesprochen wird, meine Freunde sind hier und meine Familie. Deshalb bin ich nicht vollkommen glücklich außerhalb der Türkei. Aber wenn „Evet“ kommt, weiß ich nicht wie lange ich noch hier bleiben kann.

 

Kurz danach geht der Strom im Café aus, es wird dunkel und die Musik setzt aus. Es ist plötzlich seltsam ruhig. Doch schon wenig später geht das Licht wieder an und das Stimmengewirr mischt sich mit der Musik. Es geht alles weiter.

Durch die große Glasfront spiegelt das Wasser des Goldenen Horns die grauen Wolken. Es regnet ein bisschen.

Bevor wir gehen nimmt sich Elif einen Stift und schreibt ihren Wunsch auf einen weißen Zettel: Referandumda „Hayır – Beim Referendum „Nein“. Sie hängt ihn an den Wunschbaum zu den anderen Wünschen.

*Namen geändert

 

Info: Referendum in der Türkei

Die Türkei stimmt am 16. April 2017 über eine Verfassungsänderung ab, die zum Ziel hat das parlamentarische Regierungssystem durch ein Präsidialsystem zu ersetzen. Dieses hat unter anderem zur Folge, dass dem zurzeit amtierenden Präsident Recep Tayyip Erdoğan mehr Macht eingeräumt wird. Unter anderem würde das Amt des Ministerpräsidenten wegfallen, Ernennung der Richter, Minister und Stellvertreter würde durch den Präsidenten erfolgen und auch das Misstrauensvotum würde abgesetzt werden.

Befürworter sehen durch die Einführung des Präsidialsystems eine Stabilisierung der Regierung und für das Land, das vor allem nach dem Putschversuch am 15. Juli 2016 und den Terroranschlägen erschüttert wurde.

Gegner sehen die Demokratie in Gefahr, da durch das Präsidialsystem die Gewaltenteilung nicht mehr gewährleistet ist. Sie befürchten durch die Machtausweitung des Präsidenten, dass die Türkei zu einer Diktatur wird.

Eileen
Eileen K. hat in Hamburg Philosophie und Französisch studiert und ist nach einer Auszeit in der Normandie in Berlin gelandet. Neben Literatur studieren, Sprachen lernen und Deutsch unterrichten, reist sie gerne und beschäftigt sich mit anderen Kulturen.
 

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