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Dienstag, 7. Juli 2015
Von: Phil Osof
 

Es gibt viele Arten, politisch aktiv zu sein. Yasser Almaamoun entschied sich, sich an der Seite des Zentrums für politische Schönheit dafür einzusetzen, dass die Welt ein besserer Ort wird. Eine Gruppierung, die jüngst wieder für Aufsehen und Kontroversen sorgte. Auch bei dieser neusten Aktion war er beteiligt, bei der die Künstlergruppe verkündete, die Leichen der schiffbrüchigen Einwanderer aus ihren menschenunwürdigen Massengräbern zu exhumieren, um sie „in die Schaltzentrale des europäischen Abwehrregimes“ zu bringen, hier, in Berlin, vor den Augen der deutschen Politik und Öffentlichkeit erneut zu bestatten und bei einem „Marsch der Entschlossenen“ ein Mahnmal – einen Friedhof – direkt vor dem Kanzleramt zu errichten.

Intro & Outro: ”Go Cart” Kevin MacLeod (incompetech.com)
Licensed under Creative Commons: By Attribution 3.0

PHIL: Was, findest du, sind die Top 3 Missstände in Europa?

YASSER: Die Grenze. Visumanträge, weil ich das selber erfahren habe. Und drittens der Informationsmangel, weil viele hier gar nicht wissen, was in der Welt passiert ist.

PHIL: Dass dein Top1 gleich die Grenze ist, hat wahrscheinlich auch damit zu tun, dass du gar nicht von hier kommst. Du kommst aus Syrien, hast also auch einen Migrationshintergrund. Wieso hast du Berlin gewählt? Wieso bist du hier?

YASSER: Ich war in 2008 hier während einer Reise durch die Uni. Und ich bin in die Stadt verliebt. Deshalb habe ich gesagt: „Ok, ich komme mal wieder!“ Und das habe ich geschafft. Leider hat meine Familie den anderen Weg ausgewählt, bei der sie diese Strecke von Syrien nach Europa illegal – teilweise – gegangen sind. Deshalb interessiere ich mich für beides: Visumantrag und die Grenze. Warum? Das ist eigentlich meine persönliche Frage: Warum gibt es sowas?

PHIL: Jetzt bist du persönlich ja auch politisch aktiv und stellst dir nicht nur die Frage, sondern du willst auch was bewegen. Du hast ja auch entschieden – darum geht es ja auch heute – Zentrum für politische Schönheit: Da machst du mit. Die sind ja sehr kontrovers, da wird sehr viel drüber diskutiert. Warum gerade die? War dir Amnesty International zu langweilig?

YASSER: Nicht wirklich. Das war eigentlich ein reiner Zufall, dass ich zum Zentrum gekommen bin. Das wurde mir durch Freunde vermittelt. Und ich finde das, was das Zentrum macht, ist immer außergewöhnlich. Es stellt sich ständig außerhalb der Richtlinien, die es in Europa oder allgemein in der Welt gibt.

PHIL: Und das macht es dann so arg, dass es dann immer halb in Verruf gerät dafür. Die letzte Aktion war jetzt „Die Toten kommen“. Die hier anwesenden – hier war gerade eine Diskussionsrunde darüber – wissen ja Bescheid. Aber sag du doch für die Hörer noch mal: Worum ging es da eigentlich? Und wie kam es dazu, dass man sagt: Ja, die Toten, die holen wir jetzt nach Deutschland? Wer ist das?

YASSER: Im Prinzip geht es darum, dass wir Massengräber in Griechenland und Italien entdeckt haben. Daher kommt die Idee, dass wir den Deutschen, die her sind und in Freude und Sicherheit leben, zeigen wollen: Ihr hört die Nachrichten die ganze Zeit, es gibt viele Probleme in der Welt, aber für euch ist das völlig egal, weil: Es ist ganz weit weg. Und deshalb dreht sich diese Aktion darum, dass diese Menschen wirklich in die Lage kommen, wie die anderen Menschen zu fühlen, die ganz weit weg wohnen.

PHIL: Damit kann man jetzt vielleicht Politikern ein Schild vor die Nase halten und die kannst du auch ins Schwitzen bringen. Die denken sich: „Oh Gott, da kommen jetzt Leute, die Massenbegrabungen in Berlin vollführen.“ Aber eigentlich hat man ja auch noch ein Menschenleben – jemanden, der mal gelebt hat – und benutzt den. Hattest du dann irgendwann auch bedenken und dir gedacht: „Okay, das ist jetzt ein menschliches Lebewesen, mit dem wir da agieren“?

YASSER: Es gab keine Ausnutzung der Familien, der Angehörigen, der Verstorbenen. Wie gesagt – also ich wiederhole es immer, damit die Presse es endlich kapiert: Die Aktion hat sich in zwei Teilen vorgestellt. Erstens: Zwei Beerdigungen, reine menschliche Aktionen, wo echte Verstorbene – auch das sage ich zum millionsten mal – aus Italien hierher überführt wurden. Zweitens: Am Sonntag, die Aktion, die Inszenierung, das Theater, das passierte, das war alles am Sonntag. Diese zwei Teile müssen ganz klar getrennt werden. Weil ansonsten vermischt sich das alles und dann denken die Leute, wir nutzen das aus oder wir versuchen kräftige Aussagen herzustellen, als wären wir besonders. Das ist nicht wichtig. Was wichtig ist, ist dass man sagt, die Angehörigen, die hierhin gekommen sind, wurden in Würde begraben und die Aufmerksamkeit des Publikums der Deutschen dazu haben wir gekriegt.

PHIL: Ihr musstet erst mal mit den Familien dafür kommunizieren. Mich interessiert eigentlich auch, wo sind die Angehörigen gerade? Sind das welche, die auch hier sind? Sind das welche, die noch in Syrien sind? Wo waren sie oder wo sind sie heute?

YASSER: Das kann ich leider nicht ganz genau sagen, aufgrund dass die Familien selbst uns mitteilten, dass sie ihre Identität schützen wollen – vor der Presse insbesondere. In Syrien denkt man immer, dass die Wände Ohren haben. Und sie glauben, dass das hier ganz genauso ist. Deshalb haben sie immer Angst, wenn sie die Worte Polizei oder Regierung hören. Das ist auch selbstverständlich. Zweitens sind diese Familien jetzt in einer Trauerphase. Sie sind schockiert, sie sind traumatisiert von dem, was passiert ist. Und sie wollen das irgendwie in Ruhe überleben können und wollen nicht, dass vor ihrer Tür 200 Leute stehen und vielleicht ganz oberflächige Fragen stellen.

PHIL: Heißt das eigentlich, dass sie vorher davon gar nicht wussten? Haben sie es auch über euch erfahren? „Die Überfahrt nach Europa, nicht überlebt, was machen wir jetzt mit Ihrem Angehörigen?“

YASSER: Ne, sie wussten eigentlich viel länger vor der Aktion schon davon. Sie wussten ganz genau, was passieren wird und es gab auch eine Diskussion. Wir wollten ursprünglich, dass die echten Leichen vor dem Kanzleramt stehen. Aber das würde von der Familienseite und auch von der Regierung nicht bewilligt und deshalb haben wir das anders gemacht. Die Familien haben ganz genau gewusst, was passiert. Und jetzt sind sie viel erleichterter. Sie sind entlastet, weil sie jetzt wissen, dass die Angehörigen hier liegen und sie können sie, wenn sie irgendwann eine Reiseerlaubnis haben, ganz einfach besuchen.

PHIL: Du warst die Person, die auch mit den Personen in erster Linie zusammengearbeitet hat. War das für dich dann eigentlich auch ein schweres Stück?

YASSER: Das war ganz schwierig, denn ich war die Person, die die Nachrichten an die Familien überbrachte. Das war nicht einfach. Ich habe das auf zwei verschiedene Wege versucht, da es zwei verschiedene Familien waren – sogar drei. Ich habe mich vorgestellt – erst telefonisch – wer ich bin, was ich mache und so weiter, damit sie ein bisschen Vertrauen aufbauen können. Dann habe ich die Nachricht ganz plötzlich gesagt. Und sie waren schockiert. Also eine Familie wollte nicht mehr mit mir reden.

PHIL: Auch verständlich, oder?

YASSER: Ja. Aber ich hatte Argumente. Ich habe versucht, sie zu überreden. Okay, vielleicht können wir ja den Ort ändern, den Angehörigen irgendwo anders begraben. Und dann kamen sie zu der Tatsache, dass das ja vielleicht jetzt egal ist, wo die Verstorbenen liegen, weil sie schon tot sind. Und für uns ist wichtig, dass wir mit der Geschichte klarkommen. Nicht, dass wir immer denken: Meine Mutter liegt jetzt irgendwo unbekannt in Italien begraben. Das war eine schwierige Phase. Und ich glaube, ich habe drauf hingewiesen, dass es nicht gut ist – weder religiös noch traditionell, dass jemand aus der Familie in solchen unmenschlichen Massengräbern liegt. Das war auch für mich persönlich nicht einfach.

PHIL: Es gab ja auch noch den zweiten Part, den du eben schon angesprochen hast. Ihr hattet ja gesagt, ihr werdet auch einen Friedhof vor dem Kanzleramt errichten. Und das war ja auch das, was eigentlich für die helle Aufruhr gesorgt hatte, was ja auch versucht wurde zu unterbinden. Am Ende hattet ihr auch nicht die Erlaubnis, bis zum Kanzleramt zu laufen. Was für Reaktionen hast du eigentlich im Vorhinein festgestellt? Gab es da Leute, die gesagt haben: „Was macht ihr da eigentlich?“ Oder hast du von deinesgleichen, mit denen du reden konntest, immer Verständnis bekommen?

YASSER: Nicht wirklich. Alle Leute wissen schon, was in der Welt passiert, und sie sind ebenso schockiert wie wir, dass solche unfassbar schlechte Sachen irgendwo anders passieren. Sie waren sympathisch, sie haben mit uns mitgefiebert. Aber sie haben auch gesagt: „Toll, was ihr macht, aber ich würde das nicht mitmachen.“ Weil sie irgendwie Angst, auch persönliche Angst, hatten, dass sie denken: „Das passt nicht zu mir und ich will mich damit nicht beschäftigen.“ Das ist, was ich genau festgestellt habe.

Gedenkstätte für die Opfer der militärischen Abriegelung Europas

Die geplante „Gedenkstätte für die Opfer der militärischen Abriegelung Europas“ vor dem Bundeskanzleramt (Quelle: Zentrum für politische Schönheit)

Gräber vorm Bundestag

Nachdem die Wiese vor dem deutschen Bundestag von der Polizei geräumt wurde, blieb ein improvisierter Friedhof zurück. (Quelle: Zentrum für politische Schönheit)

PHIL: Es war ja aber auch geplant, Löcher auszuheben. Da sollte ja ein Bagger vorfahren. Der wurde nicht erlaubt. Es wurde weder erlaubt, zum Kanzleramt zu kommen als auch den Bagger mitzuführen. Allerdings hat man auch so ein bisschen drauf gewettert: Mal schauen, was so die Leute machen, die mit uns mitlaufen tamiflu 75 mg. Ist das richtig?

YASSER: Nicht wirklich. Wir wollten die Aktion ganz genau so machen, wie wir die Genehmigung dafür gehabt haben. Die eigenen Initiativen, die sich nachher gezeigt haben, waren eine richtige Aussage. Also nicht von uns, sondern von den Leuten, die dort waren. Sie haben eine ganz spontane Initiative unternommen.

PHIL: Also man muss dazu sagen: Die Reichstagswiese war quasi abgesperrt und da wurde sich dann Zutritt verschafft und es wurden doch Löcher gegraben. Daraufhin wurde eingegriffen und es gab auch Verhaftungen. Aber du sagst – das war nicht mehr euer Ding?

YASSER: Ne, das war es nicht. Und ich muss auch genau sagen, dass die Polizei nicht sofort reagiert hat. Sie haben gewartet. Und das schätze ich auch an der deutschen Polizei, dass sie sich wirklich ruhig halten. Sie blieben so lange ruhig, bis ein paar Leute – das habe ich selbst gesehen – die Polizei provozierten. „Was würdest du machen, wenn ich das und das mache?“ Und das habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen.

PHIL: Du hast bei der Diskussion, die diesem Interview voranging, gesagt, du bist auch deshalb angetan vom Zentrum für politische Schönheit, weil dort der Aktionismus mit Kunst zusammenkommt. Wo sagst du, verschwimmen da die Grenzen? Oder würdest du sagen: Das eine ist das eine und das andere ist das andere und die Kunst oder die Aktion ist eigentlich nur PR?

YASSER: Eigentlich kann man das schon in der Geschichte lesen. Kunst spielte immer und spielt immer noch eine große politische Rolle. Nicht direkt, sondern die Kunst kommt auf die Leute zu und sagt: „Was halten Sie davon?“ Und dann reagieren die Leute. In solchen Ländern wie Deutschland zum Beispiel, wo die Demokratie sich ganz klar zeigt – also nicht wie bei uns in Syrien: Wenn das Volk etwas will, dass wird es dafür stimmen, auch wenn es etwas später kommt. Und ich glaube nicht, dass die Aktion jetzt am Ende ist. Sondern es wurde jetzt in den Meinungen und Gedanken des Volkes verarbeitet.

PHIL: Aber war das nötig? Also musste es einen Knall geben? Musste jemand auf den Tisch hauen, damit überhaupt etwas in den Gang kommt? Ist das nötig, damit die Menschen nachdenken, oder denkst du, das geht auch anders?

YASSER: Klar. Weil die Leute hören immer die Nachrichten oder sehen sie im Fernsehen. Wie gesagt: Es tut mir leid, aber das ist hier schrecklich. Die Leute denken: „Oh, die Menschen sterben ganz weit weg.“ Das stört uns nicht. „Das würde nie zu uns kommen.“ Und da würde ich sagen: Nein, die Welt ist heute ein Dorf und du kannst überall Bedrohungen haben und schlechte Menschen, die Dinge verursachen. Das ist meine Meinung.

PHIL: Hat die Aktion dann den Effekt erzielt, den sie haben wollte?

YASSER: Bisher ja. Und wir erwarten noch etwas, weil jetzt diese Bewegung bei den Leuten bis jetzt verarbeitet wurde. Und nachher, wenn man weiter darüber liest, wenn man die Aktionen weiter verfolgt, kommt der Moment, in dem die Menschen auf die Straße gehen und sagen: „Schluss damit! Lasst uns etwas verändern!“

PHIL: Für dich persönlich: Was war das Wichtigste an dieser gesamten Aktion? Was war für dich dein persönliches Ziel?

YASSER: Ich habe vorher mit der syrischen Revolution gearbeitet und ich habe mich nur darauf konzentriert, was in Syrien passiert. Aber heute wohne ich hier und ich bin ein Teil der Gesellschaft geworden irgendwie – ich hoffe ja. Deshalb würde ich gerne etwas machen, um die Welt aufzuwecken. Das ist ganz wichtig. Weil es stört mich richtig, wenn ich neue Leute kennenlerne, die keine Ahnung haben, obwohl sie in den virtuellen, sozialen Netzwerken überall verbunden sind. Aber vielleicht verblenden sie. Das ist der schlimmste Fall. Ich will gar nicht daran denken, weil dann wäre ich menschlich enttäuscht von Leuten, die solche Geschichten hören und dann sagen: „Naja. Es ist weit weg.“

PHIL: Das heißt, die Aktion hat dir selber dann auch so viel gebracht, dass du weißt: Du kannst hier was tun und du kannst was anrichten und du kannst zumindest die Menschen zum Nachdenken bringen.

YASSER: Und das ist was, was ich an Deutschland toll finde. Das habe ich auch selber erlebt in meinem Leben. In Syrien konnte ich das nie schaffen, wenn ich irgendein Papier brauchte oder eine Erlaubnis und so weiter. Aber hier kann man hingehen und die Leute sind manchmal hilfsbereit. Zu 99 Prozent sind sie hilfsbereit.

PHIL: Das heißt, hier sind die Menschen eigentlich zu 99% lieb, aber sie sollten sich auch die Welt hinterm Tellerrand anschauen. Was passiert außerhalb der EU oder zumindest – und das als allererstes sogar – an der Grenze.

YASSER: Jetzt hat Deutschland eine besondere Position in der Welt, wo die Menschen richtig in Freude und Sicherheit leben. Und deshalb sind sie in der Lage, anderen zu helfen. Ich hoffe, dass das einmal passieren wird.

PHIL: Schönes Schlusswort. Dank dir.

YASSER: Dankeschön.

Marc-Philipp Schneider (Phil Osof) arbeitet und lebt als Cross-Media-Journalist in Berlin. Neben seiner Tätigkeit als Chefredakteur von MOVING MAN Infotainment betreut er bei netzwerk recherche die Liveblog-Redaktion. Zuvor arbeitete er unter anderem als Juniorkorrespondent für die Nachrichtenagentur JIJI Press, machte bei Deutsche Welle Station und produzierte diverse Radioformate für Lokalsender.
 

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