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Sonntag, 2. Oktober 2016
Von: Jonathan Krautter
 

Hört man Politikern oder Unternehmen zu, die in den Medien zu den gegenwärtigen Herausforderungen der Wirtschaft Stellung nehmen, so kommt man nicht umhin, unzählige Male den Begriff der Innovation zu hören. Doch was bedeutet dieses Wort? In dieser Themen-Reihe soll es darum gehen, die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen des technischen Fortschritts nachzuzeichnen. Dieser einleitende erste Teil erklärt, was Innovation eigentlich ist.

Die große Beliebtheit des Begriffes „Innovation“, nicht nur in der öffentlichen Debatte, kann mithilfe des Google-Werkzeugs Ngram Viewer nachvollzogen werden. Mit diesem lässt sich zeigen, dass der Gebrauch des Begriffes in deutschsprachigen Büchern zwischen 1991 und 2008 um das 2,6-fache zugenommen hat.


(Quelle: Google Ngram Viewer)

Fragt man nach dem Grund für diesen Boom, muss man einen Blick auf die Theorie des Wirtschaftswachstums werfen, so wie sie in der Volkswirtschaftslehre diskutiert wird. Diese hat vier grundsätzliche Wachstumsarten identifiziert: Wachstum durch Bevölkerungsanstieg, durch Kapitalakkumulation, durch Arbeitsteilung und Spezialisierung sowie durch technischen Fortschritt. Den ersten drei Wachstumsarten sind jedoch enge Grenzen gesetzt. So führt Bevölkerungswachstum an sich nur zu einem gesamtwirtschaftlichen Wachstum, während der Wohlstand jedes Einzelnen sinken kann. Die positiven Effekte der Kapitalakkumulation sind bei einem niedrigen Kapitalstock zwar groß, bei einem hohen Kapitalstock hingegen, wie ihn fortgeschrittene Industrieländer in der Regel aufweisen, gering. Außerdem wirken sich beide Arten auf die Nutzung des Bodens und der Umwelt aus, sodass unbegrenztes Wachstum in ihren Fällen soziale und ökologische Probleme mit sich bringen können. Auch Arbeitsteilung und Spezialisierung lassen sich nur bis zu einem bestimmten Grade ausbauen, der u.a. durch das Bildungsniveau einer Volkswirtschaft bestimmt wird.

Langfristiges Wirtschaftswachstum dagegen, so die herrschende Meinung in Öffentlichkeit und Wissenschaft, wird durch den technischen Fortschritt erreicht. Dieser hängt wiederum von der Fähigkeit einer Gesellschaft ab, Innovationen hervorzubringen.

Die vier grundsätzlichen Wachstumsarten

10156703466_0303444ea0_z(Foto: Kat Grigg, flickr.com (CC BY 2.0))

Bevölkerungswachstum
Durch Bevölkerungswachstum steigen Produktion und Konsum.

6848823919_724f516a05_z(Foto: 401(K) 2012, flickr.com (CC BY-SA 2.0))

Kapitalakkumulation
Indem Geld in Maschinen, Fuhrpark und Fabriken (Kapitalgüter) investiert wird, steigt die Produktionsleistung.

154047413_9268560404_o(Foto: Lydur Skulason, flickr.com (CC BY 2.0))

Arbeitsteilung und Professionalisierung
Durch kooperierendes und professionalisiertes Arbeiten kann eine höhere Effizienz erreicht werden.

6812407093_fbf34b4ef4_b(Foto: Ministerio TIC Colombia, flickr.com (CC BY 2.0))

Technischer Fortschritt
Durch verbesserte oder neu entwickelte Technologien wird vieles einfacher und schneller. Innovationen sind also ein anerkannter Wachstumsmotor.

Doch was ist mit den so häufig genannten „Innovationen“ eigentlich gemeint? In die Wirtschaftswissenschaften wurde der Begriff vor allem vom österreichischen Ökonomen Joseph A. Schumpeter eingebracht, der damit die Kombination von Produktionsfaktoren zur Erzeugung von fünf Arten wirtschaftlicher Neuheit beschrieb. Dabei handelt es sich um neue Produkte, neue Produktionsprozesse, die Erschließung neuer Absatzmärkte, die Erschließung neuer Bezugsquellen für Rohstoffe und Teile, sowie neue Organisationsformen, zum Beispiel des integrierten Großunternehmens.

Heutzutage hat sich der Fokus der öffentlichen Debatte und auch derjenigen der Wissenschaft auf die ersten beiden Innovationsarten verengt. In der Regel erfordern diese eine Anpassung der Produktions- und/oder Absatzorganisation und neuer Bezugsquellen, während sie es zugleich ermöglichen, neue Absatzmärkte zu erschließen. Zustande kommen Produkt- und Prozessinnovationen durch die Kombination von vor allem unterschiedlichen Wissensbeständen innerhalb einer Gesellschaft. Das liegt daran, dass für neue Produkte und Prozesse insbesondere naturwissenschaftliches und technisches Wissen in Kombination mit betriebswirtschaftlichen Kenntnissen notwendig sind. Diese Entwicklung wird durch staatlich geförderte Medienkampagnen und Förderungsprogramme exemplifiziert, die eine Steigerung der Zahl von MINT-Absolventen zum Ziel haben.

Was ist MINT?

MINT ist ein Oberbegriff für Studienfächer aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik

Der Innovationsprozess findet in komplexen Netzwerken statt, in denen Experten verschiedenster Bereiche und Organisationen miteinander zusammenarbeiten. Neben Universitäten und privaten sowie öffentlichen Forschungsinstituten, wie etwa den Max Planck-Instituten, spielen dabei vor allem auch die Forschung- und Entwicklungsabteilungen in Unternehmen eine wichtige Rolle. Doch sind Innovationsprozesse in der heutigen Zeit nicht mehr hauptsächlich innerhalb eines Landes angesiedelt. Vielmehr entfalten sich moderne Innovationsnetzwerke über den gesamten Globus, wobei Kommunikation und Kooperation mit Hochschulen und Unternehmen insbesondere in forschungsstarken Regionen wie Ostasien oder Nordamerika immer bedeutender werden. Um den Innovationsstandort Deutschland voranzubringen, wird daher eine hohe Anzahl an Fachkräften benötigt, die neben naturwissenschaftlich-technischem und betriebswirtschaftlichem Wissen auch über interkulturelle und sprachliche Kompetenzen verfügen.

Innovation ist folglich die Nutzung des weltweiten technischen Fortschritts mit dem Ziel, wirtschaftliches Wachstum zu erzeugen. Doch welche Folgen hat Innovation auf Gesellschaft und Wirtschaft? Die neuen Dynamiken, die die Epoche seit den 70er Jahren prägen, die mit der Einführung der ersten Industrieroboter begann, sorgen dafür, dass die alten Denkmuster, die auf den Dynamiken der vorhergehen Epoche basieren, obsolet werden. Sie bergen sogar eine Gefahr für die künftige Entwicklung in sich, da sie unsere politischen und gesellschaftlichen Antworten auf die Probleme der gegenwärtigen technischen Entwicklung beeinflussen. In den nächsten Wochen wird daher der Einfluss von Innovation auf Gesellschaft und Wirtschaft in dieser Themenreihe eingehender behandelt.

Mehr zur Wirtschaftstheorie von Schumpeter (die ungekürzte Originalfassung mit Einführung durch Jochen Röpke und Olaf Stiller): Schumpeter, Joseph A.: Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung.

Jonathan Krautter arbeitet und lebt in Jena. Zuvor studierte er Moderne Geschichte und Volkswirtschaftslehre in Deutschland und Japan. Auf MOVING MAN Infotainment analysiert er wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenhänge der Gegenwart.
 

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Foto: Joni Räsänen, flickr.com
(CC BY-SA 2.0)

Kategorien: Politik & Gesellschaft, Fortschritt & Innovation, Kultur & Lifestyle, Berlin, Berlin
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