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Donnerstag, 8. September 2016
Von: Phil Osof
 

Der Technikherbst lockt mit den größten Innovationen und Technikneuheiten des Jahres. Vor dem Weihnachtsgeschäft findet der finale Wettbewerb zwischen den Herstellern statt: Wer ist moderner, fortschrittlicher, praktischer? Gerade Smartphones werden vom Verbraucher teilweise jährlich gewechselt. Einige Hersteller bringen sogar jedes viertel Jahr ein neues Modell auf den Markt. Es ist ein ganz großer Zirkus. Aber ist das wirklich nötig?

Da wurde es also vorgestellt: Das neue iPhone 7. Leichter, schneller, besser und im schönsten Schwarz, mit dem Apple je seine Smartphones angemalt hat. Diese und viele weitere Anreize gab Tim Cook seinen Zuschauern bei der jährlich stattfindenden Herbst-Keynote aus Cupertino zum Besten.

Zeit also für ein neues Smartphone, den technischen neuen Clue mit sogar zwei Kameras, mehr Speicherplatz und natürlich mit einer Batterie, die all diese Leistung bringt und dann auch noch länger hält. Wenn man all die Superlative hört, kommt einem die eigene Kröte wie ein schon in Urzeiten überholtes Gerät vor. Und das, obwohl man es sich vielleicht erst im Vorjahr gekauft hat.

In einigen Ländern bietet Apple ja nun sogar gerade diesen Service an: Ein Rudum-Sorglos-iPhone-Abo. Wer dieses Abonnement jeden Monat bezieht, erhält jedes Jahr das neuste Smartphone aus Cupertino. Damit ist man immer Up-to-Date. Damit ist man immer auf dem technisch neusten Stand. Aber: Muss das sein?

Ist es wirklich notwendig, die Welt jedes Jahr oder sogar quartalsweise mit dem nächsten Gerät zu versorgen?

Ich habe nachgefragt. Und das auf einer Messe, die gerade wieder in Berlin stattgefunden hat: Die IFA – die internationale Funkausstellung. Auf diese Messe kommen jedes Jahr 240.000 Besucher, um sich die neusten Innovationen und Gerätschaften der Branche anzuschauen. Das ist pure Werbung für die Hersteller. Diese fünf Tage bescheren den Ausstellern ungefähr 4,5 Milliarden Euro zusätzlichen Umsatz. Gerade die Besucher der IFA habe ich gefragt, wie sie es mit ihren Smartphones halten. Muss jedes Jahr ein neues her?

„Ja, relativ fast jedes Jahr. Also eineinhalb bis zwei Jahre – dieses typische […]“

„Ich hole mir ein neues Smartphone, wenn meins nicht mehr geht. Anders gar nicht.“ Das heißt: Wie alt ist deins gerade? „Das hier habe ich mir gerade neu gekauft. Das davor ist schon sechs, sieben Jahre oder so gewesen. Das habe ich von einem Freund geschenkt bekommen.“

„Jedes Jahr ist halt ein neues Jahr – da muss auch ein neues Handy her!“

„Ich suche mir gleich ein ordentliches aus und das muss auch ein paar Jahre halten. Das ist ja auch entsprechend teuer.“

„Nicht unbedingt. Also ich bin eigentlich so, dass mein Mann sagt ‚Du brauchst mal ein neues“ und dann kauft er mir einfach eins. Weil ich immer denke: Ich bin damit zufrieden …“

„Mein Sohn hätte gerne jedes Jahr ein neues Smartphone. Ich sehe das eher kritisch. Ich selbst muss nicht jedes Jahr – das ist mir viel zu preisintensiv.“

Also auch die technisch begeisterten Besucher der IFA sehen ihren Konsum zum Großteil kritisch. Zumeist tun neue Smartphonemodelle auch nicht wirklich Not.

„Eigentlich ist es nicht nötig. Aber weil sie rauskommen, kauft man sie sich.“

„Auf der einen Seite muss man natürlich den technischen Fortschritt sehen. Auf der anderen sind diese Produktzyklen einfach zu kurz. Das hat keinen Sinn. Es ist besser, was zu durchdenken und dann mal ein oder zwei Jahre – oder vielleicht auch drei – auf dem Markt zu lassen, um dann mit einem richtigen Innovationsschritt weiterzumachen. Und nicht diese kleine Knickermethode: Ein Bit verdrehen und ein neues Gerät rausbringen. Das hat keinen Sinn.“

„Es werden viele Materialien gebraucht dafür, die viele Lebensräume zerstören. Ich unterstütze das doch nicht noch, indem ich mir jedes Jahr ein neues Handy kaufe.“

„Naja der Fortschritt ist mir persönlich halt von Modell zu Modell viel zu minimal, damit sich das lohnt.“

Die jährliche Produktion neuer Geräte ist nicht nur verfrüht und für den Verbraucher unsinnig – sie schadet auch der Umwelt sehr erheblich. Die hohe Nachfrage sorgt für den immer weiter steigenden Abbau von Erzen und Erden. Altgeräte werden meist verschrottet und nicht recycelt oder landen kurzerhand in der unteren Schreibtischschublade. Nur wenige Geräte haben je ein zweites Leben.

Und doch verfolgen wir mit viel Eifer und Kauflust die Keynote von Apple oder die IFA in Berlin. Smartphones waren allerdings dieses Jahr gar nicht so hoch im Kurs. Dafür lockten aber viele weitere Gerätschaften.

„Computers an IT-Technologies.“

„IT und IT-Sicherheit.“

„Also wir haben uns eigentlich für die Hausgeräte interessiert und sind da mal so durchgeschlendert. Und die Fernseher […]“

„Für mich sind die PCs am interessantesten und halt auch dann die Handys und die Fernseher. Weil mit denen habe ich am ehesten zu tun. Die Küchengeräte sind mir eigentlich egal.“

Jedes Jahr aufs Neue werden neue technische Geräte hergestellt, vorgestellt und auch von vielen Menschen gekauft. Ich muss aber zugeben, dass die meisten meiner Gesprächspartner die IFA einfach nur aus Neugierde besuchen und auf sich wirken lassen wollten. So wie diese beiden Typen hier:

„Wir haben die Karten gewonnen.“ Ach! „Ja. Wir wollten hier mal drüberschauen, was es Neues gibt. Vor allem im Bereich Fernseher und den VR-Brillen war es sehr interessant, hier das mal testen zu können. Das war so bisher das Highlight.“ „Also den Massagestuhl den fand ich schon sehr interessant – mit der Brille dazu …“ Es gab einen Massagestuhl mit Brille dazu? „Mit VR-Brille!“ Also man konnte sich quasi auch anzeigen lassen, von wem man massiert wird? „Richtig! Und geradezu das Meer und Rauschen und so …“ „Ich habe ein Deal: Ich mache für Sie die Interviews weiter und Sie lassen sich massieren!“

Marc-Philipp Schneider (Phil Osof) arbeitet und lebt als Cross-Media-Journalist in Berlin. Neben seiner Tätigkeit als Chefredakteur von MOVING MAN Infotainment betreut er bei netzwerk recherche die Liveblog-Redaktion. Zuvor arbeitete er unter anderem als Juniorkorrespondent für die Nachrichtenagentur JIJI Press, machte bei Deutsche Welle Station und produzierte diverse Radioformate für Lokalsender.
 

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Foto: Esther Vargas, flickr.com (cc by-sa 2.0)

Kategorien: Politik & Gesellschaft, Fortschritt & Innovation, Kultur & Lifestyle, Berlin, Berlin
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