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Sonntag, 27. November 2016
Von: Eileen
 

Syrien, Istanbul und - Deutschland. Arij, Abdelkader und Mohammed sind drei junge Menschen aus Syrien, die in Istanbul auf Zwischenstation sind. Sie haben einen gemeinsamen Traum: Weiter nach Deutschland, studieren und irgendwann wieder in die Heimat zurückkehren und von vorne anfangen. Doch zu Hause ist Krieg und während sie in der Türkei Deutsch lernen, warten sie auf die ersehnte Antwort vom Konsulat. Auf das Ok für Deutschland.

Ich habe die drei diesen Sommer in Istanbul getroffen und mit ihnen über ihre Träume, Hoffnungen und Pläne gesprochen, über die Situation in Syrien und in der Türkei. Meine Ausrüstung: ein altes Smartphone, eine auseinander gebrochene Kamera und ein offenes Ohr für ein langes und beeindruckendes Gespräch.

Klirrende Teegläser und ein Stimmengewirr umgeben uns. Die heiße Sommersonne lässt den Asphalt glühen und wir versuchen einen freien Tisch im Schatten des Galata-Turmes zu ergattern. Wir befinden uns im Herzen Istanbuls. Unweit vom Turm verläuft die berühmte Einkaufsstraße Istiklal und hinter den Häuserfassaden glitzert das Wasser des Goldenen Horns. Arij nippt an ihrem Soda. Sie trägt ein weißes T-Shirt, auf dem mit verspielter Schrift „Lovely Day“ steht. Ihre Schultern werden von einer dunklen Strickjacke verdeckt. Dazu trägt sie ein rosa Kopftuch. “Wir haben uns nicht ausgesucht, Flüchtlinge zu sein! Wir lieben unser Land,” betont die 24jährige Syrerin. In ihren Augen spiegeln sich Sorge, aber auch Hoffnung und ein starker Wille. Ihre Heimatstadt Aleppo gehört zu den zurzeit am meist umkämpften Städten in Syrien. Sie beginnt dennoch zu schwärmen. Zuhause könnten sie alles tun was sie wollen. Die Menschen seien freizügig und offen. Sie spricht mit Sehnsucht von ihrer Heimat, die sie hinter sich lassen musste und die es so auch nicht mehr gibt. Nach Istanbul kam Arij Anfang des Jahres- kurz bevor die Visapflicht in der Türkei eingeführt wurde. Sie lebt mit ihrer Schwester und deren beiden Kindern in einer Einzimmerwohnung in der Stadt. Zusammen mit Abdelkader und Mohammed, die aus den Städten Homs und Damaskus in die Metropole am Bosporus Zuflucht suchen, harren sie an der Grenze zu Europa aus.

Alle drei haben das gleiche Ziel: Deutschland. „Wir wollen auf legalem Weg versuchen nach Deutschland zu kommen“, sagt der 25jährige Abdelkader. Das bedeutet zu allererst keine gefährliche Überfahrt auf einem Flüchtlingsboot. Aber ist es dadurch einfacher nach Deutschland einzureisen?

"Wir verlieren Zeit und Geld!"

Seit Anfang des Jahres lernen sie Deutsch am Goethe-Institut in Istanbul. Tagsüber helfen sie in einer von der UN unterstützen Organisation. Dort helfen sie notdürftig zu versorgen, leisten seelischen Beistand und begleiten sie zu Ärzten und Ämtern. Abends geht es zum Deutschkurs und an den freien Tagen treffen sich Arij und Abdelkader im deutsch-türkischen Café in der Istiklal Straße und lernen gemeinsam. Ihre Disziplin ist beeindruckend: In ein paar Monaten haben sie es bis zum Sprachniveau B1 geschafft. Auch der 28jährige Physiotherapeut Mohammed aus Damaskus ist dazu gestoßen und lernt manchmal mit ihnen zusammen. Dabei macht sich Frust breit. Denn die Ablehnung der breiten türkischen Bevölkerung gegenüber den Syrern bekommen sie täglich zu spüren. Mohammed bekommt weniger Gehalt als Einheimische bei seinem Job im Fitnesscenter und auch im Deutschkurs gibt ihnen die Lehrerin deutlich zu spüren: „Ihr seid hier nicht willkommen.“ Seit Ausbruch des Krieges sind mehr als vier Millionen Syrer in die benachbarten Länder geflohen. Die Türkei beherbergt die meisten Flüchtlinge. Schätzungsweise leben um die drei Millionen Syrer dort. Dadurch wächst auch der Unmut und die Angst in der türkischen Bevölkerung, die einen wirtschaftlichen Schaden fürchtet. Die Folgen sind Rassismus und Diskriminierungen gegenüber Syrern, mit Argumenten, die uns hierzulande leider auch nicht fremd sind.

Die Situation löst bei den Syrern Verdruss aus. Die meisten wollen nicht in der Türkei bleiben. Sie wollen nach Europa kommen, da sie dort auf ein besseres Leben hoffen.

Abedelkader, Arij und Mohammed üben sich tagtäglich in Geduld und warten auf die Antwort vom deutschen Konsulat: Dürfen sie weiter nach Deutschland reisen oder nicht? An der Uni sind sie bereits angenommen. Abdelkader könnte in der Nähe von Hannover sein Ingenieurstudium fortsetzen und Arij in Paderborn ihr BWL-Studium. Mohammed ist studierter Physiotherapeut und möchte einen höheren Abschluss machen. Doch die Antwort des Konsulats kommt und kommt nicht. „Wir verlieren Zeit und Geld“, sagt Mohammed.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Wenn der Krieg vorbei ist… Diese Worte fallen immer wieder. Sie scheinen sich sicher zu sein, dass der Krieg in Syrien bald ein Ende hat und sie zu ihren Familien zurückkehren können und das Land wieder von Grund auf neu aufbauen. Arij denkt oft an ihre Eltern, die in Aleppo leben. Mohammed erzählt von seiner Familie, deren Stadt komplett vom IS besetzt ist. Wenn man die Bilder aus den Kriegsgebieten sieht und die Geschichten hört, fällt es schwer diesen Optimismus zu glauben. Doch die drei scheinen sich ihrer Sache sicher zu sein: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Als wir über den Taksim-Platz laufen, vorbei an der euphorisch jubelnden Menge, die den gescheiterten Putsch feiert, erinnert Arij sich an die Zeit vor ein paar Jahren, als sie  anfing zu studieren. Die Aufstände und die ganze revolutionäre Stimmung des arabischen Frühlings versetzte das Land damals in einen euphorischen Zustand. Sie weiß nicht, was sie davon halten soll. In ihrem Land schwang diese Lage dann in einen Krieg um.

Jetzt hängen die drei in der Luft und wollen lernen, wie alle anderen. Wollen leben. Und alles hängt von einer Antwort vom Konsulat ab. „Wir lieben unser Land“, sagt Arij und Abdelkader fügt hinzu: „Und wir lieben unsere Freiheit.“ Doch wird in Deutschland alles besser? Noch klammern sie sich an diesen Traum, denn zurück können sie nicht und auch in Istanbul wollen sie nicht bleiben. Studieren und wieder zurückkommen in die Heimat, von neuem anfangen. „Wir haben einen Traum“ sagt Mohammed, „Wer kann diesen Traum wahr machen?“.

“Wir haben uns nicht ausgesucht, Flüchtlinge zu sein"

Abdelkader

Abdelkader ist nach Litauen gegangen und beginnt sein Studium. Sobald die Möglichkeit es zulässt, versucht er weiterhin nach Deutschland zu kommen

Mohammed

Mohammed ist noch in Istanbul. Mohammed konnte seinen Job im Fitnesscenter aufgeben und hat eine Anstellung in einer Arztpraxis bekommen.

Arij

Arij hatte ihren Job bei der Flüchtlingsorganisation verloren und konnte sich den Folgekurs am Goethe-Institut nicht mehr leisten. Sie suchte vergeblich einen Job. Nachdem sie eine neue Arbeit gefunden hatte, wuchs der Druck: Die Universität in Paderborn stellte eine Frist zur Anmeldung für einen Sprachkurs zur Studienvorbereitung. Die Antwort vom Konsulat blieb aber weiterhin aus. Ich half ihr, indem ich mit der Ausländerbehörde in Deutschland kommunizierte und herausfand, dass ihre Unterlagen aus der Türkei nicht weitergeleitet wurden. Nachdem wir die Unterlagen in Deutschland nachgereicht haben, kam das Ok für die Einreise. Arij kann sich nun ein Visum ausstellen lassen und im Januar ihren Sprachkurs in Deutschland besuchen und danach ihr Studium fortsetzen. Sie ist überglücklich.

Eileen
Eileen K. hat in Hamburg Philosophie und Französisch studiert und ist nach einer Auszeit in der Normandie in Berlin gelandet. Neben Literatur studieren, Sprachen lernen und Deutsch unterrichten, reist sie gerne und beschäftigt sich mit anderen Kulturen.
 

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Musik: Snowdrop & Piano Monolog (cc-Lizenz von Kevin MacLeod)

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