Beitrag mit Audio  Meinungsbezogener Beitrag 
Montag, 16. Mai 2016
Von: Phil Osof
 

Im Großstadttrubel lebt man oft sehr anonym aneinander vorbei. Mein DHL-Bote hat sich anscheinend zur Aufgabe gemacht, die Kommunikation zwischen den Bewohnern meines Kiezes zu verbessern. Dafür gibt er seine Sendungen bei einem Nachbarn ab … der gar nicht existiert.

Ich bin umgezogen. Und es ist alles ganz anders gekommen, als ich dachte. Seit ein paar Wochen wohne ich nun ein wenig näher am Herzen Berlins. Die Entscheidung hatte meine Freundin und mich ein paar Diskussionen gekostet. Wollen wir lieber vom Stadtrand noch weiter raus ins Grüne ziehen oder die Lebendigkeit der Großstadtkieze genießen? Rein oder raus, spießig oder hip, viel Platz oder U-Bahn-Anschluss, warm oder kalt, Katze oder Hund? Am Ende fiel die Wahl dann auf das heiße tobende multi-kulti-Dasein des Weddings. Wir wollen die große anonyme Stadt genießen, solange wir jung sind. Keine langen Odysseen mehr, um Nachts nach Hause zu kommen; keine langen Bahnfahrten mehr zum Büro. Dafür muss man aber die Tatsache akzeptieren, dass man zwar unter Millionen und dennoch ganz für sich alleine ist. Das Oxymoron einer Metropole mit so vielen Gesichtern ist ja nun mal, dass die einzelnen Gesichter darunter verloren gehen.

Ich muss zugegeben, dass sich meine eigene Meinung an diesem Punkt spaltet. Zum einen bin ich nämlich gerne alleine und verloren. Ich mag es, nicht immer erkannt zu werden. Ich liebe es, unerkannt im Treiben der Stadt unterzugehen und mich von dem Sog der Masse treiben zu lassen. Das entspannt mich. Auf der anderen Seite bin ich aber auch ein geselliger Mensch, der gerne bekannte Gesichter um sich herum hat. Ich mag es, in mein Stammcafé zu spazieren, vom Barista erkannt zu werden und „das selbe wie immer“ zu bestellen. Und ich mag es, wenn meine Nachbarn wissen, wer ich bin. Tja, wenn man nun aber mitten in den Kiez zieht und ein Mehrfamilienhaus mit mehr als 30 Parteien bewohnt, so dachte ich mir, lebt man zwar urbaner, dafür aber von nun an wieder allein unter vielen. Doch wie sagte schon Wilhelm Busch: „Aber hier, wie überhaupt, kommt es anders, als man glaubt!“

Zu verdanken habe ich die sehr frühe, plötzliche und unerwartete Popularität unter meinen Nachbarn meinem sehr engagierten DHL-Boten. Der Typ ist zwar mit der Ausführung seines eigenen Jobs ein wenig nachlässig, doch dafür sorgt er trickreich und gewieft dafür, dass sich die fremdelnden Menschen der anonymen Hauptstadt beginnen, miteinander auszutauschen. Ich wurde bereits wenige Tage nach meinem Einzug Zeuge seiner heldenhaften Tätigkeit, als ich – der Tatsache geschuldet, dass der Standfuß meines Fernsehers die Strapazen des Ortswechsels nicht überstanden hatte – ungeduldig eine kurzfristige Onlinebestellung aufgab. Am nächsten Morgen sollte mein Paket eintreffen. Das tat es auch. Nur nicht bei mir. Die Masche meines Boten geht nämlich so: Bloß nicht klingeln, bloß keinen Zettel einwerfen. Die Pakete gibt er – so die Auskunft der Sendungsverfolgung – bei einem Nachbarn namens Leuenberg ab. Der Clue: Dieser Herr Leuenberg steht nicht am Klingelschild und ich bin auch nicht der Einzige, der nach ihm sucht.

Da stand ich also verloren im Hausflur rum und entdeckte den Zettel von Herrn Arnold. Er hatte längst die Suche nach seiner eigenen Paketsendung ausgeschrieben. Jetzt – beim genaueren Hinsehen – fiel mir auf, dass er ebenfalls nach einem ominösen Herrn Leuenberg suchte. Bislang wohl erfolglos. Hinter mir fällt die Haustür ins Schloss. „Ah hallo“, flötet die Stimme einer älteren gut gelaunten Rentnerin in meine Richtung. Na, das ist doch schön. Hier im Haus grüßt man sich also. Ich stelle mich der netten Dame als neuer Nachbar vor. „Ja, sie sind ja am Wochenende eingezogen!“, erwidert Frau Schmidt wohlwissend, „Ist es Ihre erste gemeinsame Wohnung? Falls Sie Werkzeug brauchen, um die Lampen anzubringen, sagen Sie mir gerne Bescheid! Ich wohne direkt im Hof gegenüber.“ Eine freundliche Nachbarin allemal – doch die nächste Bestellung werden wohl Vorhänge sein. Ein Herr Leuenberg wohne nicht hier im Haus, verkündete mir Frau Schmidt allerdings und ich meine – sie scheint mir da die beste Ansprechpartnerin zu sein! Nach der Devise „Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser“ lief ich dennoch ergebnislos alle Türen und Klingelschilder in Vorder-, Hinterhaus und Seitenflügel und der direkten Nachbarhäuser ab und lernte hier und da weitere Bewohner kennen. Herr Tillstedt von der Hausverwaltung begrüßte mich im Gebäude und verwürzte meine Laune mit der Bekundung, die Suche nach Paketen sei hier ganz normal und alltäglich. Herr Meier, der im Erdgeschoss ein Geschäft betreibt, erzählte mir, dass sein Paket sogar mal am anderen Ende der Straße abgegeben wurde. Dass er es zufällig ein paar Wochen später in den Händen hielt, bezeichnete er als Fügung des Schicksals. Oh wunderbar – die Sache wurde von Mal zu Mal aussichtsloser.

Mutlos und mit vom Treppensteigen weichen Beinen ließ ich mich auf die Stufen nieder. Erst mal googeln. „Leuenberg“. Davon gibt es sogar ein paar in Berlin. Es hätte mich allerdings auch gewundert, 2016 noch mit Gewissheit Einträge im Telefonbuch zu finden, die mir weiterhelfen. Vielleicht, dachte sich der Theoretiker in mir, ist der datenjournalistische Ansatz in diesem Fall nicht der richtige. Ich entschied mich, auf die investigative Feldstudie zu setzen. Das war der Moment, in dem das kleine Dauerflämmchen der journalistischen Neugier (es brennt irgendwo zwischen Herz und Gehirn) mit Sauerstoff versorgt wurde und eine Odyssee begann, die ich gar nicht so lange erläutern will. Sagen wir, es begann damit, alle Klingelschilder der Straße systematisch abzulaufen, und endete damit, dass ich einem gelben Lieferwagen mit der Aufschrift DHL hinterher hechtete. Hätte ich ein Mikrofon dabei gehabt, wäre das wahrscheinlich auch ein heldenhafter Anblick gewesen. In Wahrheit glich es wohl eher einer slapstick-artigen Komödie auf Kopfsteinpflaster. Ein Glück, dass Paketboten auch hier und da mal anhalten müssen.

„Nee, dit is nich meen Jebiet“, antwortete der Bote mir auf die Frage, ob er zuvor etwas an mich geliefert hatte. „Der Kollehje is och schon durch! Sind se neu hier?“ Er kenne hier alle und er wüsste auch, dass sein ‚Kollehje‘ etwas faul sei. Aber ich soll es mal bei Herrn Paulsen versuchen, dessen Wohnung er mir auf Stockwerk und Lage genau benennen konnte. „Der is imma’ da!“ Und damit hatte der Paketbote auch recht. Die Wohnung war da, wo sie sein sollte. Herr Paulsen war zu Hause und Herr Paulsen hatte mein Paket. Nur wie Herr Paulsen zu Herrn Leuenberg wurde, konnte er mir selbst nicht beantworten.

Inzwischen ist die Wohnung eingerichtet und der Fernseher stand pünktlich zum ESC betriebsbereit auf dem TV-Tisch. Letztens hat es übrigens an meiner Tür geklingelt. Ich mache auf und es stellt sich Herr Arnold bei mir vor. „Tut mir Leid, dass ich Sie störe, doch …“ „Schön, Sie endlich kennezulernen, Herr Arnold. Sie suchen ein Paket, dass bei Herrn Leuenberg abgegeben wurde? Es liegt bei Herrn Paulsen – er wohnt ein Stockwerk über Ihnen!“ Ja, wir kennen uns hier alle. Danke, lieber Paketbote.

Marc-Philipp Schneider (Phil Osof) arbeitet und lebt als Cross-Media-Journalist in Berlin. Neben seiner Tätigkeit als Chefredakteur von MOVING MAN Infotainment betreut er bei netzwerk recherche die Liveblog-Redaktion. Zuvor arbeitete er unter anderem als Juniorkorrespondent für die Nachrichtenagentur JIJI Press, machte bei Deutsche Welle Station und produzierte diverse Radioformate für Lokalsender.
 

Kommentare & Pingbacks (2)


Sehr vielen Dank, Sofia! Das motiviert einen doch zum Weitermachen. 🙂


Einfach spitze ; ) Ich hoffe du schreibst weitere lustige Texte.


 

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