Montag, 16. März 2015
Von: Phil Osof
 

Von Yanis Varoufakis und dem Schuldenstreit um Griechenland kann man ja differenzierter Meinung sein. Doch der nun aufkeimende Wirbel ist nur noch kindisch. Schon wieder wird eine Diskussion auf ein dubioses Level gehoben. Warum man sich weniger über den Finger des Finanzministers und mehr über unsere eigene Berichterstattung aufregen sollte.

Manchmal ist doch nur noch lachhaft, was die Menschen so bewegt. Heute ist es der Stinkefinger vom griechischen Finanzminister Varoufakis, den Günter Jauch gestern in seiner Talk-Sendung im Ersten präsentierte. Gut, ich verstehe ja, dass der eigentliche Skandal die Reaktion des Ministers wurde. „Das Video ist gefälscht“ war auch eine Antwort, die sich Herr Varoufakis hätte besser überlegen sollen. Zumal er selber wissen müsste, dass sich seine Behauptung sehr leicht revidieren lässt. (Siehe Nachtrag) Aber das eigentliche Problem steht nicht 2013 auf dem Podium eines Festivals, bei dem über die Zukunft der Währungsunion gesprochen wird. Es sitzt in einer deutschen Redaktion, die Informationen lieber auf das nötigste Maß zurückschneidet, um den Vorurteilen des Zuschauers zu entsprechen, und die Skandale schafft, um vielleicht Quote zu generieren aber definitiv keine Objektivität.

Echauffiert euch!

Es ist natürlich einfach, auf einen Zug aufzuspringen, der schon losgefahren ist. Vor allem, wenn es eine sehr beliebte Richtung zu sein scheint, in die die Wagons brettern. Während in Deutschland die Diskussion über die Forderungen Griechenlands zu entgleisen droht, springen noch schnell alle auf: Dabei sein ist alles. Da wird lustig mit dem Finger auf die Griechen gezeigt und fleißig mit den Redakteuren der BILD geplauscht. Dabei ließe sich das Thema doch wunderbar sachlich klären. Letzteres Blättlein – das mit den bunten Bildern und den vielen fetten Überschriften – begann bereits früh mit der Volkshetze, indem es die griechischen Forderungen (ohne sie je zu erklären) als übertrieben darstellte und an die Wut der Bürger appellierte (klick). Jan Böhmenmann reagierte satirisch mit einem Musikvideo über Varoufakis, in dem er ihn „the walking debt“ (klick) nennt. Verkehrte Welt: Der Unterschied zwischen diesen beiden Veröffentlichungen – mal von der Gattung ganz abgesehen – ist, dass die BILD beurteilt, einseitig an das Thema herangeht und nicht schafft, was die Satire mit dem kleinen Finger hinbekommt: Pro UND Contra.

Wer sich die Berichterstattung der letzten Wochen genauer anschaut, kann erkennen, wie sehr gegen Griechenland gewettert wird. Die neue Regierung, die die Sparpolitik nicht mehr gutheißen will, wird als realitätsfern, aggressiv und ihre Forderungen als überzogen dargestellt. Auf ein Mal kommen da die Südländer und wollen unser Geld. Aufgabe der Medien würde jetzt eigentlich sein, die Wogen zu glätten und den eigentlichen Gehalt der Diskussion für alle verständlich zu machen. So richtig passiert ist das nicht.

Erblasten 

Ich übernehme das mal kurz: Es gibt da eine Kommission in Griechenland, die sich mit den Kompensationsforderungen auseinandersetzt. Sie ermittelt (sie ist noch nicht ganz fertig), in welchen Punkten deutsche Kriegsschuld nie beglichen worden ist. Das ist ein schwieriges Szenario für unseren Herrn Schäuble. Was, wenn ein deutsches Gericht mit den Forderungen der Griechen konform geht? Wer kommt dann noch um die Ecke und holt eigene Ansprüche aus der staubigen Dachkammer? Genau darum geht es hier. Nicht um die Schulden, die Griechenland hat. Sie haben vielleicht dafür gesorgt, dass dieses Anliegen ein dringendes wurde, doch sie sind kein Ausgangspunkt der Grundthematik. Es geht um die Schulden, von denen Deutschland nichts mehr wissen will.

Bestimmte Interessengruppen versuchen seit Jahrzehnten, Geld oder Geldwerte zu bekommen. Die besagte Kommission arbeitet schon länger an dieser Thematik. Die große Summe ist ja keine bloße Zahl. Sie lässt sich aufgliedern. Zu Teilen besteht die Forderung aus einer nie beglichenen Zwangsanleihe, unbezahlten Reparationen, Individualentschädigungen und der Erstattung von geraubten Kunstschätzen. Das müssen wir jetzt nicht alles Punkt für Punkt abarbeiten, doch es wäre schon respektvoll gegenüber unserem europäischen Nachbarn, sich die Zahlen anzusehen, bevor man konsequent nein sagt.

Ein kurzer kleiner Exkurs: Da gibt es das eine Problem der Zwangsanleihe, die sich das nationalsozialistische Deutschland von Griechenland aushändigen lassen hat. 10 bis 11 Milliarden Euro sind das, die den Deutschen zinsfrei überlassen worden. Wohlgemerkt kann man mit einer Knarre am Kopf nicht wirklich von einer freiwilligen spontanen Schenkung reden. Die deutsche Regierung versprach(!) die Rückzahlung sogar einst unter Bundeskanzler Erhard, wovon heute niemand mehr etwas wissen will. In der Schuldenkrise händigen wir wohlgemerkt kein Geld als Geschenk aus, sondern verlangen es verzinst zurück. Na, das ist fair!

Aber der andere hat angefangen!

Zurück zum Thema. Hier wird polarisiert, ohne sich mit der Grundthematik zu beschäftigen. Und die hat ihren Ursprung nicht in der neuen Regierung von Griechenland. Die besagte Kommission gibt es schon länger, die Schuldforderungen auch. Yanis Varoufakis geht also auf Tour mit einer alten Problematik, die vielleicht gar nicht so abwegig und realitätsfern erscheint, wie der ein oder andere denken mag. Aber anstatt dass unsere hochgelobten Medien ihren Kollegen von der Springerpresse Einhalt gebieten, wird fleißig dabei geholfen, die Polemik anzuheizen. Der Koalition gefällt das. Griechenland passt als Aggressor Deutschlands neuer Rolle (wir berichteten ‚klick‘) prächtig ins Gesicht. Sigmar Gabriel findet zum Beispiel: „Es reicht jetzt“ mit den griechischen Attacken. Kein Wunder, dass ein Stinkefinger als weiterer Angriff gewertet wird. Insofern war es ein leichtes Spiel für Günther Jauchs Redaktion, die Geste aus ihrem Zusammenhang zu ziehen (nochmal klick).

Vielleicht sollten wir alle mal wieder aus dem Sandkasten kommen und aufhören, uns gegenseitig mit Sand zu bewerfen. Es hilft nicht, die Arme zu verschränken und zu hoffen, dass alles irgendwann vorbei geht. In einer gemütlichen Fragerunde hat der Kollege Eberhard Rondholz heute gesagt: „Es ist auf jeden Fall an der Zeit, sich an den Tisch zu setzen mit der griechischen Seite. Auch, möchte ich mal sagen, aus moralischen Gründen.“ Und der Typ hat Recht! Weniger Hetze führt am Ende zu einer differenzierteren Betrachtung. Eine Weisheit, über die sich auch die Medien Gedanken machen sollten. Was war noch mal deren Aufgabe?

Nachtrag (19.03.2015): Jan Böhmenmann hat gestern ein Video veröffentlicht, in dem er dokumentiert, wie er und sein Team das Video gefälscht haben sollen. Well done, Böhmi! Egal, ob seine Behauptung nun richtig ist (oder ob es sich um ein Fake vom Fake handelt), Böhmermann hält uns Deutschen und unseren Medien (und den Profilern, die behaupten, dass das Video echt sei) nicht nur einen Stinkefinger sondern auch einen Spiegel vor.

Marc-Philipp Schneider (Phil Osof) arbeitet und lebt als Cross-Media-Journalist in Berlin. Neben seiner Tätigkeit als Chefredakteur von MOVING MAN Infotainment betreut er bei netzwerk recherche die Liveblog-Redaktion. Zuvor arbeitete er unter anderem als Juniorkorrespondent für die Nachrichtenagentur JIJI Press, machte bei Deutsche Welle Station und produzierte diverse Radioformate für Lokalsender.
 

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Athen / Berlin

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