Live  Beitrag mit Audio 
Samstag, 25. Juli 2015
Von: Phil Osof
 

Vor fünf Jahren starben 21 Menschen bei der Loveparade in Duisburg. Jetzt wurde in Berlin der Zug der Liebe ins Leben gerufen. Mit der Techno-Großveranstaltung möchten die Veranstalter aber nicht verglichen werden. Vielmehr soll die Parade eine politische Demonstration sein. Ich habe den Zug der Liebe besucht. 

Musik im Beitrag: „Mr. Kleydermeyer“ von photona. Mehr von photona unter
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Das der Zug der Liebe mit der Loveparade verglichen wird, kommt nicht von irgendwoher. Zum einen findet er parallel zum Unglück in Duisburg statt. Zum anderen scheint der Name eine schnelle Übersetzung vom englischen Loveparade ins Deutsche zu sein. Dass jetzt eine Demo angemeldet wurde, in der Wagen fahren sollen, die von DJ’s bespielt werden, lässt auch keine großen Unterscheidungen zu. Aber dennoch legen die Veranstalter viel Wert darauf, dass der Zug der Liebe mit der Loveparade rein gar nichts gemein hat. „Niemand hat begriffen, dass wir das nicht machen wollen“, argumentierte Jens Schwan, Mitveranstalter der neuen Elektro-Demo, auf einer Pressekonferenz in Berlin. Nach Duisburg sei eine neue Loveparade einfach absurd. „Diese Demo ist halt wirklich die Möglichkeit, eine große Masse zu erreichen und die Musik ist einfach Mittel zum Zweck“, so Schwan weiter.

Die Geschichte der Loveparade

Die Loveparade entstand 1989 aus einer Laune heraus, als DJ Motto entschied, auf dem Ku’damm Geburtstag zu feiern. Aus dieser 150 Mann starken Veranstaltung wuchs die Großveranstaltung „Loveparade“ heran, die 1999 1,5 Millionen Gäste zählte. Umso größer die Veranstaltung wurde, desto mehr spalteten sich die ursprünglichen Fans ab und gründeten Gegenveranstaltungen wie die „Fuckparade“. Außerdem entzog Berlin der Loveparade den Demonstrationsstatus. Es war allgemein über die Verschmutzung des Tiergartens unglücklich. 2001 erreichte die Parade auch nur noch Besucherzahlen von 700.000 Menschen. 2004 und 2005 fand gar keine Loveparade statt, da die Veranstalter kein Geld für die Müllbeseitigung aufbringen konnten.

Teilnehmerzahlen der Loveparade von 1989-2010

Teilnehmerzahlen der Loveparade von 1989 – 2010. Diese Zahlen wurden aus Angaben von Polizei und Veranstaltern ermittelt. Eine Studie hat nachgewiesen, dass die Werte der letzten Veranstaltungen aus Werbezwecken für Stadt und Veranstalter übertrieben hoch angesetzt wurden.

Das Konzept wurde 2006 von einem kommerziellen Betreiber, Loparent GmbH, weitergetrieben, konnte aber nicht mehr mit der Unterstützung von DJ Motte rechnen, der sich von den materiellen Interessen des neuen Veranstalters distanzierte. 2007 bekam die Loveparade keine Erlaubnis mehr, durch Berlin zu ziehen. Sie wechselte von da an ihren Standort ins Ruhrgebiet. 2008 Essen, 2009 Dortmund und 2010 Duisburg.Bei der 19. und letzten Loveparade kam es im einzigen Zugang zum Gelände, einem Tunnel, zu einer Panik. Das Menschengedränge forderte 21 Todesopfer und über 500 Verletzte. Heute weiß man, dass die Genehmigung dieser Größe in einem Areal dieser Größe rechtswidrig war. Bis heute gab es noch keinen Gerichtsprozess gegen die Veranstalter und die Beteiligten der Stadt Duisburg.

15 Wagen mit politischen Motiven Wer einen Wagen bei dem „Zug der Liebe“ anmelden wollte, musste sich ebenso ein politisches Statement überlegen. Damit ziehen die Veranstalter weiter den politischen Faden durch die Demonstration. Schwan ist mit dem Ergebnis zufrieden. Sein persönliches Herzensthema ist die Flüchtlingspolitik. „Deswegen bin ich sehr stolz und sehr froh darüber, dass wir heute Seawatch hier hatten, die eine Rede gehalten haben“, erklärte er MOVING MAN Infotainment auf der Kundgebung. Aber auch TTIP, Tierschutz, Armut, Mietpreise und Homosexualität waren Themen des Zuges.

"Q-Tip statt TTIP": Bei den Partywagen war ein politisches Statement obligatorisch

„Q-Tip statt TTIP“: Bei den Partywagen war ein politisches Statement obligatorisch

25.000 friedliche Teilnehmer. Die meisten waren Partygäste.

Während des Beginns der Veranstaltung sprachen sich die Hälfte der Besucher, mit denen ich ins Gespräch kam, für den politischen Gehalt des „Zugs der Liebe“ aus. Allerdings fehlte bei einem Großteil bereits das Interesse an den Themen der Kundgebung. Im Laufe der Parade wuchs die Zahl der Teilnehmer auf ungefähr 25.000 Menschen an. Die meisten Gäste stießen später dazu, weil sie an der Kundgebung nicht interessiert waren. Nichtsdestotrotz freuen sich Veranstalter und Polizei über eine insgesamt friedliche Demonstration ohne Ausschreitungen. Zu der ausgelassenen Stimmung trug sicher auch das Wetter bei. Fast den ganzen Tag über schien die Sonne vom Himmel und brachte unverhofft warme Temperaturen. Einige erschöpfte Raver entschieden sich gar für drastische Erfrischungsmaßnahmen im Brunnen am Straußberger Platz. 

Es ist übrigens entgegen der Vorhersage sehr warm heute. #zugderliebe #water #warm Ein von Phil Osof (@philosof_) gepostetes Foto am


Erst gegen Ende traf auch Berlin das Sturmtief „Zeljko“. Aus Sicherheitsgründen wurde die Parade deshalb umgeleitet. Sie konnte allerdings sehr nah am eigentlich geplanten Ziel in Treptow beendet werden. Während die Party für einige auf der After Charity Party weiterging, kam auch die orangene Wagenkolonne der Müllabfuhr am Zielort an. Die Reinigung verlief so effektiv, da die Straßen so schnell wie möglich wieder nutzbar gemacht werden sollten. Bleibt nur zu hoffen, dass die politische Botschaft dieses Zugs der Liebe nicht so leicht weggefegt sein wird.

Die geilsten Partywagen fahren ganz hinten. #zugderliebe #müll

Ein von Phil Osof (@philosof_) gepostetes Foto am

Marc-Philipp Schneider (Phil Osof) arbeitet und lebt als Cross-Media-Journalist in Berlin. Neben seiner Tätigkeit als Chefredakteur von MOVING MAN Infotainment betreut er bei netzwerk recherche die Liveblog-Redaktion. Zuvor arbeitete er unter anderem als Juniorkorrespondent für die Nachrichtenagentur JIJI Press, machte bei Deutsche Welle Station und produzierte diverse Radioformate für Lokalsender.
 

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Cover: ehud / flickr.com

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