Donnerstag, 28. Januar 2016
Von: Phil Osof
 

Chaotische Stimmung am Berliner LAGESO: Ein Freiwilliger von „Moabit hilft“ soll den Tod eines Flüchtlings erfunden haben. Dies bestätigte auch die Polizei nach einer Befragung am Mittwochabend. Zuvor hatte die Nachricht große Wellen geschlagen und wütende Reaktionen gegenüber dem Senat hervorgerufen. Das diese Information wahr sei, schien außer Frage.

Seit einigen Tagen überschlugen sich die Nachrichten um die katastrophale Situation am Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGESO) erneut.  Bei der Berliner Erstregistrierungsstelle für Flüchtlinge geht es seit Sommer letzten Jahres chaotisch einher. Ankommende müssen über Tage und Wochen warten, um ihren Termin wahrzunehmen. Die Mitarbeiter des Amtes sind vollkommen überfordert. Nun eskalierte die Stimmung als sich die Nachricht über den Tod eines Flüchtlings verbreitete.

In der Nacht auf Mittwoch schreibt Dirk V. Nachrichten an Reyna B. Sie sind freiwillige Helfer bei „Moabit hilft“. Dirk V. soll regelmäßig Flüchtlinge in seiner kleinen Wohnung aufnehmen, die über Tage am LAGESO Schlange stehen. Sein Name ist bekannt unter den anderen Freiwilligen am Landesamt. Als er Reyna B. berichtet, ein kranker Mann liege bei ihm und er wisse nicht, ob er den Krankenwagen rufen soll,  beginnt die Geschichte um einen Menschen, der nie existierte. „ich weiß es nicht, er hat 39,4 Fieber, SChüttelfrost und kann nicht mehr sprechen. Ich denke, ich rufe einen Krankenwagen jetzt“, schreibt Dirk an Reyna. Später erreicht sie seine Nachricht über das Ende einer tragischen Nacht: „Er ist gerade verstorben Ich melde mich hiermit offiziell ab“. Die Meldung über den Tod des Flüchtlings postet sie um 05:16 Uhr. Alle Informationen soll sie nach eigenen Angaben nur aus dem Chat mit Dirk V. übernommen haben, dessen Verlauf sie später online stellen wird. Sie möchte nicht öffentlich Stellung nehmen, denn nach der ersten Welle an Nachrichten und emotionaler Reaktionen kommen viele Fragen auf. Fragen nach der Glaubwürdigkeit der nächtlichen Todesmeldung, die von „Moabit hilft“ bei Twitter geteilt wurde und die für einen vitalen Sturm der Entrüstung sorgte.

Rücktrittsforderungen gegen Senator Mario Czaja sind nicht neu, wurden aber heute umso lauter verkündet. Auch die Politik setzte sich in Bewegung. Grüne und Ex-Piraten forderten Konsequenzen, sollte sich diese Tragödie bewahrheiten. Auch die Medien berichteten über den Tod eines Flüchtlings, noch bevor die Stadt vermelden konnte, dass es keinen syrischen Toten in Berliner Krankenhäusern gäbe. Schnellschlüsse, die auch der Twitter-Gemeinde nicht verborgen blieb.

Auf jeden Fall darf man diesen Aspekt nicht aus den Augen lassen. Er ist sogar durchaus interessant, weil er aufzeigt, wie sehr eine Eskalation beim LAGESO doch erwartet wird. So sehr, dass weder Presse, Politik noch irgendwer anders in Frage stellte, dass dieser Mensch in der vergangenen Nacht wirklich gestorben ist. Alle waren der einvernehmlichen Auffassung, dass die Lage am Landesamt grundsätzlich katastrophal und untragbar sei und eine solche Tragödie nunmal nur eine Frage der Zeit war. Dass nun auf eine Katastrophe reagiert wurde, die gar nicht existierte, ist blamabel, kommt aber nicht von irgendwo her YOURURL.com. In den letzten Wochen wurde durchgehend berichtet und veranschaulicht, was in Moabit alles falsch läuft. Was aber diesmal Grundlage für die Berichterstattung war, war einzig und allein ein von einer Privatperson veröffentlichter Chatverlauf. Eine zweite Quelle schien bei der Recherche nachrangig zu sein.

Klar ist, dass die Diskussion um das Berliner LAGESO neu angefacht wurde und viele Menschen in Erklärungsnot sind. Nicht zuletzt „Moabit hilft“ selbst, die ihre Glaubwürdigkeit nun schwinden sehen. Schon längst ist der Tweet vom Morgen verschwunden und ist einem kurzen „Wir sind fassungslos“ gewichen. Die mittägliche Pressekonferenz sollte Dirk V. noch den Rücken stärken und ihm Zeit verschaffen. Jetzt ist das Vertrauen in den eigenen Reihen erschüttert. Wohlmöglich wird gerade im Moment darüber nachgedacht, wie mit dem Fiasko umgegangen werden muss, dass die Arbeit so vieler freiwilliger Helfer in Zukunft erschweren wird.

Der nun vergangene Mittwoch zeigte deutlich, wie schnelllebig die Welt in der Flüchtlingskrise geworden ist. Ein Tag, an dem eine Nachricht am morgen noch zu 100 Prozent wahr war, am Nachmittag in Zweifel gezogen und dann am Abend als Lüge entlarvt wurde, zeigt auch, wie schnell sich unsere Meinungen aufgrund von Informationen ändern und wie wichtig es ist, Zeit zu haben und sich Zeit zu lassen. Sonst stehen wir wieder und wieder vor diesen kurzen Tagen, die Sinnbild sind für viele Elefanten im Porzellanladen, die nichts hinterlassen als einen Scherbenhaufen aus Fassungslosigkeit.

 

Marc-Philipp Schneider (Phil Osof) arbeitet und lebt als Cross-Media-Journalist in Berlin. Neben seiner Tätigkeit als Chefredakteur von MOVING MAN Infotainment betreut er bei netzwerk recherche die Liveblog-Redaktion. Zuvor arbeitete er unter anderem als Juniorkorrespondent für die Nachrichtenagentur JIJI Press, machte bei Deutsche Welle Station und produzierte diverse Radioformate für Lokalsender.
 

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