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Sonntag, 23. Oktober 2016
Von: Eileen
 

Kirsten Fuchs ist Autorin und Kolumnistin. Vor allem ist sie bekannt durch ihre Auftritte auf den Berliner Lesebühnen. Dieses Jahr wurde ihr aktueller Roman „Mädchenmeute“ auf der Frankfurter Buchmesse mit den Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Ich habe mit ihr über Mädchen und Hunde im Wald, das Reisen und über die Freiheit gesprochen.

Eileen: Was bedeutet der Preis für dich?

Kirsten Fuchs: Ja, ich freue mich sehr. Das ist natürlich ne total schöne Wertschätzung. Wenn man so vor sich hin schreibt und dann merkt man: „Ok gut, das verkauft sich vielleicht sogar gut und die Leser mögen es.“ Aber dann gibt es noch einen Preis! Das ist ja obere Etage der Torte.

Eileen: Das Buch ist ja schon letztes Jahr erschienen. Kannst du einmal kurz zusammenfassen: Worum geht es eigentlich in dem Buch?

Kirsten Fuchs: Ne, kann ich nicht ganz kurz. Ne, das kann, glaube ich, die Autorin immer am schlechtesten. Wenn ich jetzt anfang’ das nachzuerzählen würde ich auch total abschweifen. Also es gibt eine Gruppe von Mädchen, die ein Abenteuer erleben mit Hunden im Wald. Aber das stimmt nicht, das ist viel mehr. So!

Eileen: Was ist denn das „viel mehr“? Das große Thema ist Freiheit. Welche Rolle spielt Freiheit in dem Buch? Was ist das für eine Art von Freiheit?

Kirsten Fuchs: Na das ist diese Art von Freiheit, dass man sich in der Pubertät da natürlich erstmal rein entwickeln muss. Also, Kinder sind zum Beispiel von alleine frei und werden eigentlich beschützt von den Eltern und das beschneidet ihre Freiheit. Und dass sie natürlich noch nicht für sich sorgen können, aber das ändert sich ja in der Pubertät dann radikal. Erstens sind die Eltern nicht mehr da und dann muss man eben selber gucken: Kann ich das? Was trau’ ich mir zu und was will ich? Und was kann ich erreichen? Das ist diese Schaltstelle, wo die Freiheit auf einmal auf ne andere Art wichtig wird. Selber zu entscheiden und dass jede Entscheidung eigentlich bedeutet, dass die Freiheit sich komischerweise nach und nach verringert. Also wenn man am Anfang der Pubertät vor allen Möglichkeiten steht: In dem Moment, wo man sich für einen Beruf entscheidet fallen ja die anderen weg. Also das fand ich irgendwie ganz spannend. So geht es den Mädchen im Wald ja auch ein bisschen. Dass sie dadurch, dass sie Aufgaben haben und überleben müssen, auch gar nicht mehr so frei sind, wie sie dachten. Man muss ja essen und sich die Kleidung waschen und irgendwas reparieren und so weiter. Also das ist eben die Frage: Existiert Freiheit überhaupt? In dem Moment, wenn man drüber nachdenkt, ist sie dann auch schon wieder weg.

Eileen: Ok, also würdest du sagen, dass eigentlich in der Pubertät für einen Moment dieses Gefühl der Freiheit existiert, aber sobald das Erwachsenwerden eintritt, diese Freiheit eigentlich sofort wieder verschwindet?

Kirsten Fuchs: Ne, eigentlich nicht. Eigentlich glaube ich, dass Freiheit die ganze Zeit existiert. Das setzt nur in der Pubertät verstärkt ein und dann kann man es ja jeden Tag wieder haben. Aber eine Entscheidung muss man ja trotzdem treffen. Wenn ich so radikal wäre, dass ich mich jeden Tag wieder für einen Beruf entscheiden wollen würde. Also ich wach’ morgens auf und sag: Ich schmeiß‘ das alles von gestern weg und will wieder nen anderen Beruf. Ich muss ja trotzdem wieder was entscheiden. Also es gibt immer nur einen kurzen Moment.

Eileen: Ich will nochmal zu einem anderen Thema kommen, und zwar warst du ja auf Reisen. Du hast einen Blog geschrieben „Welt und Kind“ und warst mit deiner Tochter auf Reisen. Wie lange wart ihr erstmal unterwegs und wo wart ihr genau?

Kirsten Fuchs: Also wir waren nicht am Stück unterwegs, das hätte ich nicht organisiert gekriegt. Rein organisatorisch hat mich das irgendwie überfordert und das wollte ich eigentlich auch meiner Tochter nicht zumuten, solange unterwegs zu sein und nicht zu Hause zu sein, sondern dass sie eben auch Vater und Großeltern und den Hund sehen kann und zum Kindergarten gehen kann und so weiter. Und deshalb sind wir immer weggefahren und dann wieder gekommen und damit sich auch die Erlebnisse nicht überdecken. Also dass sie nicht irgendwie alle Länder durcheinanderbringt, sie sollte ja schon ein bisschen was davon haben, nicht nur ich. Und wir waren in Schottland und Italien, in Marokko, Thailand, Indien, Peru. Bestimmt hab ich was vergessen. Kroatien… irgendwas fehlt noch, aber das fällt mir jetzt gerade so ein. Da waren wir. Das ja schon ne Menge.

Eileen: Ja das stimmt. Und nochmal zum Thema Freiheit. War das Reisen auch eine Art von Freiheit?

Kirsten Fuchs: Also natürlich ist Reisen Freiheit. Schon allein, weil ich ja in der DDR geboren bin und das ist ja das absolute Symbol von Freiheit, dass man nicht eingesperrt ist. Also es gibt natürlich auch noch andere Freiheiten: Dass man ein Kleidungsstück tragen darf, aber nicht muss, oder dass man etwas lernen darf. Dass man sich in seiner Sprache ausdrücken darf. Also es gibt ja ganz viele Freiheiten, aber dieses Mauer drum oder Mauer nicht drum ist natürlich ne große Freiheit. Und deshalb war das mit dem Reisen für mich schon Freiheit. Für meine Tochter ist Freiheit bestimmt was anderes. Und als ich mir das überlegt hab, dass wir so viel reisen wollen, lag auch dieses ganze Jahr vor uns und war ungeplant. Und dann musste ich natürlich auch wieder entscheiden, wo wollen wir wirklich hin oder was schaffen wir und was interessiert uns am meisten. Und dadurch haben wir ja vieles auch wieder nicht gesehen. Und dann war das Jahr rum, aber dann muss man eben auch damit zufrieden sein, dass man eben nicht alles schafft.

Eileen: Und wo geht’s als nächstes hin?

Kirsten Fuchs: Reisemäßig? Das weiß ich noch gar nicht. Jetzt habe ich gerade gar nichts mehr geplant.

Eileen: Gibt es ein Buch darüber zu lesen, wo das Reisen eine Rolle spielt? Bald?

Kirsten Fuchs: Also es wird bestimmt irgendwie mit einfließen in die nächsten Bücher. Also ob es jetzt ein Buch direkt über diese Reisen nacheinander geben wird, weiß ich noch nicht. Das hatte ich mir so vorgestellt, aber das ist einfach so viel geworden, dass ich nicht weiß, wie ich das unter einen Hut krieg’. Also das heißt ich werd’ wahrscheinlich eher einzelne Erlebnisse oder über ein Land nochmal mehr schreiben oder so. Also das ist doch mehr, als ich dachte.

Eileen: Und gibt es gerade aktuelle Projekte an denen du arbeitest?

Kirsten Fuchs: Ich schreib’ ein Theaterstück für das Grips-Theater über Cyber-Mobbing. Wieder völlig anderes Thema, aber im Grunde genommen sind wir da auch wieder ein bisschen bei Freiheit, weil das Internet natürlich sehr, sehr groß ist und man dort alles machen kann. Und, dass das auch wieder dann vielleicht Gefahren birgt oder man sich da eben dann auskennen muss. Das klingt jetzt sehr theoretisch, natürlich geht’s in dem Theaterstück um Menschen und um Kinder, die etwas erleben.

Eileen
Eileen K. hat in Hamburg Philosophie und Französisch studiert und ist nach einer Auszeit in der Normandie in Berlin gelandet. Neben Literatur studieren, Sprachen lernen und Deutsch unterrichten, reist sie gerne und beschäftigt sich mit anderen Kulturen.
 

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