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Sonntag, 31. Januar 2016
Von: Phil Osof
 

Dota Kehr hat ein neues Album herausgebracht und wer sich die ersten Klänge der Platte anhört, die in den sozialen Medien ihre Runden drehen, mag meinen: Das ist doch gar nicht Dota! Die klingt doch ganz anders!

Und man mag dabei ja auch Recht haben. Die clubartigen Rhythmen und Tracks, die den Albumtrailer füllen, sind wohl kaum das, was man von Dorothea (Dota) Kehr gewohnt ist. Wer ihre Musik als Gitarre spielende Songwriterin verfolgt und sie als Kleingeldprinzessin mit der „Alles Du“ – Melodie zum Abschalten und Runterkommen hörte, wird die Entwicklung zu der tanzbareren und lauteren Dota als ungewöhnlich und neu empfinden. Doch die Entwicklung von der Kleingeldprinzessin zu Dota und den Stadtpiraten und zur heutigen Dota (und nur Dota – obwohl die Band unüberhörbar ist) ist eine nachvollziehbare und über Jahre erkennbare gewesen. So sorgten nämlich die Stadtpiraten schon auf dem Album 2012 „Das große Leuchten“ für eine Mehrspurigkeit, die man in Songs wie „Ohrsteckermädchen“ oder „Aber Hey!“ mitverfolgen konnte. Damals wurde es poppiger, abgemischter – der Geschmack ihrer Musik vollmundiger. Dass der Titel „Mantel“ von eben jenem Album als erster Titel auf „Keine Gefahr“ vier Jahre später neu gemischt und modernisierter auftaucht, unterstreicht nicht nur die Titelthematik des Albums sondern auch die Bandhaftigkeit von Dota 2016.

Du hast ihnen Angst gemacht, sie gucken empört.
Komm, ich versteck dich im Mantel und geb Acht, dass dich bloß keiner hört.

(Dota – Mantel)

Und somit warnt der Titel der Platte ja praktisch schon vor einer Veränderung, vor der man sich nicht fürchten soll. Er betont allerdings in erster Linie das künstlerische Gesamtkonzept einer gleichwohl zeitlosen wie auch den Zahn der Zeit treffenden Thematik von Angst, Furcht und Bedrücktheit, der sich Dota in ihren Texten widmet. Wann wäre das Thema der Gefahr nicht aktueller als im Heute voller offen ausgelebter Ängste, Fremdenhass, politischen Irrfahrten und fraglichen Entscheidungen. Und so dreht sich diese CD auch um die offensichtlich öffentliche Panik in der Flüchtlingskrise, bricht sie aber ebenso auf den privaten und intimen Bereich herunter.

Könnten Sie diese Antwort bitte
sinngemäß richtig ergänzen:
was liegt möglicherweise im Kern des Problems?
Es gibt Grenzen.

(Dota – Grenzen)

Dota kritisiert die schnelle und verklärte Lösung der Grenzziehung zwischen Ländern, hält aber zugleich die Grenzen der Privatsphäre hoch. Sie karikiert in „Monster“ die Angst vor der Totalüberwachung, spielt auf BND und NSA an, hinterlässt beim amüsierten Hörer aber doch ein Grummeln in der Magengrube. Und selbst der Einfluss von Elektropop ihrer Musik findet eine metaphorische Thematisierung in dem Wunsch in „Vergiftet“, von dannen zu ziehen.

Lass es Elektrosmog sein oder die Wellen, die die ganze Welt umspannen.
Ich will auf ich will von dannen.

(Dota – Vergiftet)

Und dann gibt es auch die ruhigen und doch liedermacherartigen Stücke wie „Stille Wasser“ oder „Floß“, die im Gegensatz zu der Unruhe und der Entsetzung für Beruhigung und einem traumhaften Blick sorgen, bei der sie mit Morpheus weiter flussabwärts einen neuen Versuch starten will. Ob man diese Symbolik nun positiv oder negativ auslegt, bleibt wohl der Interpretation des Hörers überlassen. Auch, ob der Ausruf von keiner Gefahr in den Ohren der unruhigen Seele der Gesellschaft ein Plädoyer oder ein Widerspruch sein soll, ist Auslegungssache. Dass allerdings von dem neuen und ein wenig fremdartigen Album Dotas keine Bedrohung ausgeht, kann hiermit unterstrichen werden.

 

Marc-Philipp Schneider (Phil Osof) arbeitet und lebt als Cross-Media-Journalist in Berlin. Neben seiner Tätigkeit als Chefredakteur von MOVING MAN Infotainment betreut er bei netzwerk recherche die Liveblog-Redaktion. Zuvor arbeitete er unter anderem als Juniorkorrespondent für die Nachrichtenagentur JIJI Press, machte bei Deutsche Welle Station und produzierte diverse Radioformate für Lokalsender.
 

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