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Dienstag, 13. Dezember 2016
Von: Eileen
 

Die Luft, die durch die offenen Türen weht, ist heiß und staubig. Ich döse ein wenig während sich der Bus gemächlich durch den dichten Verkehr bewegt. Er stoppt, er fährt, er stoppt, er fährt. Auf den weißen Autodächern rundherum wehen rote Fahnen mit Mondsichel und Stern. Das Hupen wird von der Sirene der Autobahnpolizei übertönt, die versucht sich einen Weg durch das Gedränge zu bahnen. Ich schaue aus dem Fenster und sehe die regenbogenfarbigen Türme aus dem staubigen Sand wachsen.

Die Stadt wird größer und größer. Riesige Hochhäuser sprießen aus dem Boden, wo vor kurzem noch Dörfer standen. Die Bauern treiben ihre Kuhherden nun vorbei an den weißen Mauern, die riesige Wohnkomplexe umschließen. Offiziell leben in Istanbul rund 14 Millionen Menschen, inoffiziell mehr als 20 Millionen, wodurch die Stadt keine Grenzen mehr zu haben scheint.

Das Gras ist an den Seiten der Autobahn vertrocknet, aber ein paar Rasensprenger lassen rote Blumen blühen. Vorbei an der Mall von Istanbul, an dem Redaktionsgebäude der Zeitung „Hürriyet“, über das glitzernde Wasser des goldenen Horns, findet der Bus schließlich seinen Weg in das Herzen Istanbuls auf der europäischen Seite: Er stoppt am Taksim-Platz. Knapp zwei Stunden habe ich für die Strecke von dreißig Kilometern gebraucht.

Ein Schwarm Tauben fliegt über den Platz, der am Vormittag noch leer ist. Ein Straßenverkäufer versucht mir Vogelfutter zu verkaufen, doch ich lehne dankend ab. In der Mitte des Platzes steht die Bühne an der sich abends die Menschen versammeln und den gescheiterten Putsch feiern. Auch sie ist zu dieser Stunde verweist. Nur auf den umliegenden Fassaden wehen riesige Banner. Ein roter Platz in Istanbul. Ich schlendere durch die Istiklal Caddesi, vorbei an den Straßenverkäufern, die goldene Sesamkringel verkaufen oder gebratene Maiskolben. Tagsüber ist sie eine beliebte Einkaufstraße, während sie sich abends in ein buntes Treiben aus Nachtschwärmern verwandelt. Zwischen den bunten Lichtern schwebt dann der süße Duft der Wasserpfeifen. Man kann sich in den verwinkelten Seitenstraßen verlieren und unter freien Himmel im vierten Stock der Kneipen kaltes Efes trinken.

Doch gerade räkelt sich die Stadt noch verschlafen. Die Straßenkatzen dösen im Schatten und langsam beginnt das Leben in der Stadt.

Ich gehe vorbei an drehenden Dönerspießen und an Schaufenstern, in denen sich Nüsse, Pistazien und klebrige Baklavas stapeln. Die Eismänner schlagen mit ihren Löffeln gegen die metallenen Bottiche und performen eine kleine Choreographie in traditioneller Tracht, um Touristen anzulocken. Das Scheppern wird plötzlich von dem Klingeln der historischen Tünel-Bahn übertönt, die durch die Fußgängerzone fährt. Ich lasse sie vorbeiziehen und lausche den türkischen Melodien eines Straßenkonzerts. Nicht weit entfernt, betrete ich ein Geschäft. Draußen vor der Tür liegen bunte Katzen. In der Mitte von ihnen sitzt seelenruhig lächelnd ein alter Mann mit rotem Fes.

Ich befinde mich nun umringt von Bücherregalen, Hesse neben Pamuk; auf der gegenüberliegenden Wand ein Goethezitat: „Wer Bücher liest schaut in die Welt und nicht nur bis zum Zaune.“ Es führt eine Treppe in den ersten Stock und man betritt ein Café. Man hört leichte Swing-Musik und Worte fliegen durch den Raum: Auf deutsch und türkisch. Auch hier stapeln sich Bücher in den Regalen, dazwischen steht ein schwarzes Wählscheibentelefon und an der Wand hängt Dürers Hase. Neben Tee, bekommt man hier auch Filterkaffee, Gulaschsuppe und Bienenstich. Im Kühlschrank steht deutsches Bier neben Club Mate. Ich verweile, schreibe und verbrenne mir die Lippen an dem heißen Tee. Für einen Moment gehen die Musik und das Licht aus. Statt auf Tasten schreibe ich nun auf Papier, bis die Musik wieder einsetzt. Die Türk-Alman Kitabevi oder die Deutsch-Türkische Buchhandlung ist ein Kleinod in dem schillernden Mosaik der Metropole.

Ich habe mit dem Geschäftsführer Thomas Mühlbauer gesprochen, der mit seinem Bruder die Buchhandlung von seinem Vater übernommen hat. Er ist ein großer, glatzköpfiger Mann, der die eintretenden Menschen mit einem herzlichen „Willkommen“ oder „Hoş geldiniz“ begrüßt. Wir sitzen einen Moment zusammen und er erzählt mir von seinem Vater, der Österreicher war, nach der Kriegsgefangenschaft in Istanbul hängen geblieben ist und sich dort in eine Deutsche verliebt hat. 1955 eröffnete er die Buchhandlung und bot einen Anlaufpunkt für Deutsche, die in Istanbul lebten, aber auch Türken, die aus Deutschland zurückkehrten. Bis heute ist sie ein Drehkreuz der deutschen Community, ein Treffpunkt für Literaturliebhaber und ein Ort der Begegnung verschiedenster Menschen. Seit nun bald einem Jahr gibt es oben das Café, wodurch auch viele Studenten vorbeikommen, um einen Kaffee zu trinken oder zu arbeiten.

Ich gehe zurück auf die Istiklal. Mittlerweile herrscht hier ein lebendiges Treiben. Ich komme zum Galataturm. Von dem flog im 17. Jahrhundert der Luftfahrtpionier Ahmet Çelebi, auch „Hezarfen“, Tausendkünstler, genannt. Mit selbstgebauten Flügeln überquerte er den Bosporus.

Am Ende der Straße erreiche ich das goldene Horn und sehe die Minarette der alten Moscheen auf der anderen Uferseite. Auf der Brücke stehen Angler mit ausgeworfener Schnur in einer Reihe. Bevor ich zum Taksim-Platz zurückkehre, mache ich noch Halt in Kabataş. Das Glitzern des Bosporus lässt meine Gedanken davonfliegen. Die Möwen schreien und ich habe einen Geschmack von süßen Honig und bitteren Tee im Mund. Istanbul, magische Stadt. In der Ferne sehe ich wie die Bosporusbrücke – seit kurzem „Brücke der Märtyrer des 15. Julis“ – Asien und Europa zusammenhält.

Abends sitze ich wieder im Bus, fahre durch ein rotes Fahnenmeer, aus dem „Türkiye, Türkiye“ dröhnt. Langsam windet sich der Bus aus dem pulsierenden Kern der Stadt. Ich sehe eine einsame Fahne, die sich in einen Strommast verfangen hat. Langsam legt sich die Dämmerung auf die Stadt und ich döse zum gewohnten Rhythmus des Busses: Er stoppt, er fährt, er stoppt, er fährt.

Eileen
Eileen K. hat in Hamburg Philosophie und Französisch studiert und ist nach einer Auszeit in der Normandie in Berlin gelandet. Neben Literatur studieren, Sprachen lernen und Deutsch unterrichten, reist sie gerne und beschäftigt sich mit anderen Kulturen.
 

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