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Montag, 13. Juni 2016
Von: Phil Osof
 

Das Schreiben eines Textes kann zu eine Tortour werden. Ob Romankapitel oder wissenschaftliche Hausarbeit: Schreibblockaden können die Arbeit unnötig in die Länge ziehen. Ich habe drei Programme für den Mac getestet, die dem Gedankenstau Einhalt gebieten sollen.

Es gibt Texte, die einem ganz locker von der Hand gehen. In solchen Momenten tippe ich Absätze über Absätze ganz ungezwungen in mein Schreibprogramm. Dann fließt alles. Es scheint, als würden Kopf und Finger ganz ungelöst und frei miteinander kommunizieren. Nichts steht zwischen dem Gedanken und dem entstehenden Text. In solchen Situationen schüttet mein Körper Adrenalin und Glückshormone aus. Ein positiver Kreislauf, der zu einer ganz besonderen Produktivität führt. Es gibt aber – und das leider viel zu häufig – auch die langen zerrenden Stücke, bei denen man sich noch nicht mal auf die ersten Wörter einigen kann oder bei denen man es an arbeitsreichen Tagen einfach nicht schafft, die volle Konzentration aufzubringen. Zum Glück gibt es Programme, mit deren Hilfe man seine innere Zerzaustheit unter Kontrolle bringen kann. Folgende drei Apps habe ich ausprobiert und in meine Werkzeugkiste aufgenommen:

Der positive Stressfaktor: Flowstate

Wenigstens kann man auswählen, wie lange Flowstate einem auf die Finger gucken soll

Flowstate greift zu rapiden Mitteln: Wer nicht zu Potte kommt, verliert seine gesamte bisherige Arbeit ans Nirvana.

Meistens steht einem der eigene Anspruch im Weg. Umso unzufriedener man ist, desto härter geht man mit sich selbst ins Gericht. Ich selbst erwarte von mir die höchste Perfektion beim Schreiben von Artikeln und stoße dabei sehr oft bereits bei der Formulierung des ersten Satzes an meine Grenzen. Diesen Anspruch lasse ich allerdings nur dann gelten, wenn ich mir dafür auch die Zeit einräume. Bei der Arbeit im Live-Betrieb oder in der Nachrichtenredaktion zum Beispiel hat man klare Befristungen, Deadlines, die von mir verlangen, schnell und effektiv zu handeln. Zeit für Eitelkeiten kann man sich nur vielleicht am Ende noch einräumen. Komischer Weise zeigt man in solchen Momenten aber auch, dass man sein Handwerk beherrscht. Das Schreiben funktioniert dann ohne Probleme.  Die Überlegungen, wie man nun genau anfangen soll, kommen gar nicht erst auf. Zumeist ist einfach schon so viel Zeit durch die anständige Recherche vergangen, dass nur noch bleibt, schleunigst in die Tasten zu hauen. In den meisten Fällen konnte ich meine Nachrichten vor der Frist noch durchlesen, Sätze oder Wörter tauschen oder verbessern und ihn dann in Ruhe abschicken.

Habe ich mehr Zeit zur Verfügung, traue ich mir grotesker Weise seltener zu, die richtigen Worte zu finden. Hier muss alles vom ersten Anschlag an stimmig sein. Dabei spricht ja nichts dagegen, auch im Langsamen die Strategie zu fahren, die im Schnellen super funktioniert: Erst mal muss der Text auf das Papier. Verändern und verbessern kann man danach noch immer. Das Wissen, welches man loswerden möchte, hat man sich ja bereits bei der vorherigen Recherche zu einem Großteil angeeignet. Wieso also die Scheu vor kleinen Fehlerchen im Text? Man geht das Geschriebene vor der Veröffentlichung eh noch mehrere Male peinlich genau durch.

Aber ich habe sie nun mal: Diese Hemmschwelle, Mist zu verzapfen und blödsinnige Sätze zu schreiben. Bei manchen kleinen Texten als auch Großprojekten sitze ich dann lange vor einem weißen Blatt Papier und rege mich nicht. Irgendwann ziehe ich mir einen ersten Satz aus den Fingern und dann fängt die Blockade beim zweiten wieder von vorne an. Gerade in solchen Situationen greife ich zu einem Programm, das für all jene, die sich zum Weiterschreiben animieren müssen, eine rapide Lösung parat hat.

Flowstate

Bei Flowstate steht das stumpfe Herunterschreiben im Vordergrund. Oben Rechts im Bild wird die restliche Zeit angezeigt. Bevor der Countdown beendet ist, darf man nicht aufhören zu tippen – sonst ist die ganze Arbeit für die Katz‘.

Flowstate ist eine App für OSX und iOS, die sich genau diesem Phänomen verschrieben hat. Die Idee, sich auf etwas zu fokussieren, ist ja schön und gut – sie ist aber schwer umzusetzen, wenn man eine Schreibblockade hat. Damit man in den „Flow“ kommt, hält dieses Schreibprogramm den drohenden Finger gefährlich nah an die Löschen-Taste. Was ist schlimmer als ein schwieriger und sich ziehender Text? Ganz einfach: Es ist die Gefahr, noch mal ganz von vorne anfangen zu müssen. Flowstate zwingt den Schreibenden dazu, weiterzutippen. Wer es wagt, fünf Sekunden lang die Finger von den Tasten zu lassen, sieht seinen Text schneller verschwinden als ihm lieb ist. Dieses hinterlistige Programm schafft es mit dieser Masche sehr erfolgreich, einen Schreibfluss zu erzwingen und das Herunterschreiben einer ersten Fassung zu erwirken.

Sobald das bildschirmfüllende Programm gestartet ist, fordert es zur Eingabe eines Titels für das anstehende Dokument auf. Ansonsten kann man nur die Schriftart einstellen und bestimmen, wie lange einem Flowstate die Pistole auf die Brust setzen soll. Mir persönlich reichen bereits 5 bis 10 Minuten Schreibstress aus, um einen positiven Effekt zu erwirken. Bei ausschweifenden Texten wie Romankapiteln kann ich mir allerdings auch längere Sessions vorstellen. Es lohnt sich, als erstes eine Gliederung oder einen groben roten Faden festzulegen, damit man innerhalb des böswilligen Countdowns nicht ins Stocken kommt. Speichern kann man nämlich erst nach Ablauf der Uhr. Auch das Kopieren des Textes ist zuvor nicht möglich. Ist die Zeit aber abgelaufen, kann man in Ruhe seinen frischen „Flow“ nutzen und weiterarbeiten, den bisherigen Text speichern oder ihn kopieren, um ihn in einem anderen Programm zu veredeln.

Keep calm and stay focused: OmmWriter

OmmWriter

Sehr aufgeräumt und meditativ: OmmWriter setzt auf pure Schlichtheit

Ebenfalls sehr minimalistisch ist der „OmmWriter“ aufgebaut. Dieser Fokus-Helfer setzt genau wie „Flowstate“ auf ein Full-Screen-Schreiberlebnis, bei dem nichts auf dem Bildschirm bleibt als das Wesentliche: Der Text. Ganz im Gegensatz zu dem vorangegangenen Teufelswerk ist „OmmWriter“ auf nahezu meditative Ruhe bedacht. Dieses Programm sollte mit Kopfhörern genutzt werden, denn es wird entspannende Klavier- und Synthiemusik eingespielt. Die Tastaturanschläge werden durch ein leises Klacken untermalt, was wieder sehr meditativ wirkt und den nostalgischen Schreibmaschinenfanatikern unter uns wohl sehr gefallen könnte.

Obwohl die App sehr nüchtern daher kommt, wartet sie mit einige Funktionen auf. Hintergrund, Musik, Schriftart, Schriftgröße und auch der Klang des Tastaturanschlags lassen sich nach dem eigenen Geschmack konfiguieren, selbst die Größe des Textfeldes ist frei einstellbar.

Sehr nützlich ist auch, dass OmmWriter während der Arbeit die Notifications blockiert. Außerdem bietet das Programm eine Tastenkombination zur Rechtschreibprüfung an. Störende unterkringelte Wörter gibt es hier ansonsten nicht. Und sollte man im Schreibprozess hängen bleiben, kann man sich per Druck auf die esc-Taste mögliche nächste Wörter oder Wortendungen anzeigen lassen. Es lohnt sich, sich mit den kleinen versteckten Gimmicks auseinanderzusetzen.

Hier spielt die Musik: Zu Beginn empfiehlt das Programm den Einsatz von Kopfhörern

Hier spielt die Musik: Zu Beginn empfiehlt das Programm den Einsatz von Kopfhörern

Im OmmWriter kann man sich überraschend schnell ausschließlich auf das geschriebene Wort konzentrieren. Um das zu erreichen haben die Entwickler ein sehr gut durchdachtes Konzept realisiert. Für mich ist dieses Programm ideal, wenn ich in Schreiblaune bin und mich trotzdem leicht ablenken lasse. Die Musik hält die Umgebungsgeräusche ab und hilft noch mehr dabei, nicht mit den Gedanken abzuschweifen. (Außerdem lässt man Menschen mit Kopfhörern vorwiegend in Ruhe.) 

Das Programm, das alles kann: Scrivener

Vollgepackt mit Funktionen vereint Scrivener alles, was der Autor von heute braucht in einem Programm.

Vollgepackt mit Funktionen vereint Scrivener alles, was der Autor von heute braucht in einem Programm.

Scrivener ist ein Programm, welches ich schon seit Jahren nutze. Es bietet mir eine Vielzahl an Funktionen und Möglichkeiten an, um den verschiedensten Aufgaben Herr zu werden. Der große und offensichtliche Vorteil an diesem Monster ist, dass man alles in einer Hand hat und nicht zwischen den verschiedenen Apps und Hilfsmitteln switchen muss. Ursprüngliche Zielgruppe von Scrivener sind Buchautoren und Screenwriter die Texte in die kleinsten Abschnitte unterteilen und somit sehr akkurat planen können. Es lassen sich auch nach Belieben Vorlagen erstellen, um zum Beispiel Romanfiguren zu charakterisieren und ihre Geschichte zu planen. Die Optionen, die Scrivener bietet, machen jeden Schriftsteller glücklich: Vom Niederschreiben der ersten Idee bis zum Speichern als E-Book. Doch auch für Journalisten eignet sich dieses Programm hervorragend, um zum Beispiel Recherchematerial und Text in einem Programm zu vereinen. Ich persönlich nutze Scrivener sehr oft zum Transkribieren von Podcast-Episoden oder Interviews und zur Produktion von längeren Stücken.

Obwohl Scrivener der Elefant unter den Schreibprogrammen ist, kann er auch schlicht. Im Redaktionsmodus lässt steht das Wesentliche im Vordergrund: Der Text.

Obwohl Scrivener der Elefant unter den Schreibprogrammen ist, kann er auch schlicht. Im Redaktionsmodus lässt sich alles um den Text ausblenden.

Zugegeben: Scrivener sieht im Vergleich zu den anderen beiden Programmen nicht sehr stylisch aus. Hier steht der praktische Nutzen der vielen Funktionen im Vordergrund und das macht die App sehr unübersichtlich und überlädt sie. Wer mit diesem Tool arbeitet, sollte  Willens genug sein, sich auf einen Schnipsel zu konzentrieren, obwohl man das Komplettwerk vor der Nase hat. Man muss sich daran gewöhnen, den Text in einzelne Dateien zu zerrupfen. Das Programm klebt sie auf Wunsch wieder zusammen und dennoch lohnt sich dieser Aufwand dann doch nur für große Werke und seltener für einen einzelnen Blogartikel. Ich persönlich nutze eine Projektdatei meist für mehrere Artikel einer Reihe, zu der ich das recherchierte Material im „Research“-Bereich horte. In solchen Fällen macht Scrivener also auch wieder Sinn.

Bei dieser App steht das Gesamtwerk im Vordergrund. Es gibt allerdings auch den Redakionsmodus, der – wie bei den anderen Programmen – im Vollbildmodus daherkommt und dabei hilft, sich nur auf den aktuell wichtigen Text zu konzentrieren. Hier lässt sich der Hintergrund auf Wunsch mit einer schwarzen Ebene abdunkeln. Alle zusätzlichen Fenster lassen sich ebenfalls nach Belieben ein- oder ausblenden. Er ist aber – zugegeben – nicht so schön anzusehen wie bei Flowstate oder OmmWriter.

Fazit

Ich nutze alle drei Programme, um in unterschiedlichen Situationen einen klaren Kopf zu bewahren. Da ich ein sehr launenhafter Schreiberling bin, brauche ich also stets die passende Umgebung, um produktiv sein zu können.

Den großen Rahmen schafft bei mir Scrivener. Hier speichere ich meine Rechercheergebnisse, transkribiere Interviews in Textform und hier arbeite ich an längeren Texten, die sich gut in Kapitel oder längere Abschnitte unterteilen lassen. Der Umfang dieses Programms ist zugleich Vor- als auch Nachteil. Während es auf der einen Seite alles kann, was man braucht, fehlt auf der anderen die Schlichtheit, die oft hilft, sich zu fokussieren. Außerdem hat dieser Riese seinen Preis: 44,99 Euro kostet die Vollversion im App-Store. Für gelegentliches Schreiben ist das vielleicht zu teuer. Für jene, die tagtäglich und von Berufswegen schreiben, ist diese Anschaffung aber eine Überlegung wert. [Link: Scrivener im App Store]

Um die erste Hürde bei einer Schreibblockade zu überwinden, lasse ich mich von Flowstate ein wenig durch die Hölle jagen. Ich bin glücklich und zufrieden, wenn ich bereits eine Masse an Text produziert habe, die ich im Nachgang radikal kürzen darf. Diese Menge an Text muss aber erst mal entstehen und dazu ermutigt mich dieses Programm. Perfekt! Die Desktop-Version lässt sich für 9,99 Euro erstehen. [Link: Flowstate im App Store] Es gibt ebenfalls eine iOS-Version für iPad und iPhone (für 4,99 Euro). Ich stelle mir das Tippen am Smartphone sehr anstrengend vor. Am iPad oder mit einer externen Tastatur könnte die App ebenfalls Sinn machen. Das habe ich allerdings nicht ausgetestet. [Link: Flowstate für iOS]

Ob ich den OmmWriter benutze, hängt bei mir von der Stimmung ab. Manchmal brauche ich diese vollkommene Abschottung, die diese App bietet. Dann hüllt mich der OmmWriter sehr erfolgreich in Watte und erwartet nicht von mir, dass ich nur fünf Sekunden brauche, um auf eine gute Idee zu kommen. Für Einsteiger ist diese App wohl am sinnvollsten. Diese gut konzipierte Welt des Schreibens kostet überschaubare 5,99 Euro. [Link: OmmWriter im App Store]

Multitasking ist out. Fokus ist angesagt. Diese drei Programme helfen dabei, die Konzentration beim Schreiben aufzubringen. Welche Programme benutzt ihr? Womit habt ihr gute Erfahrungen gesammelt?

Mit diesem Beitrag beteiligen wir uns an der Blogparade von Lillymade, die zum Ziel hat, Hilfestellungen für Blogger zu sammeln. Mehr Beiträge zu diesem Thema von anderen Bloggern und Magazinen sind auf ihrer Seite verlinkt. 

Marc-Philipp Schneider (Phil Osof) arbeitet und lebt als Cross-Media-Journalist in Berlin. Neben seiner Tätigkeit als Chefredakteur von MOVING MAN Infotainment betreut er bei netzwerk recherche die Liveblog-Redaktion. Zuvor arbeitete er unter anderem als Juniorkorrespondent für die Nachrichtenagentur JIJI Press, machte bei Deutsche Welle Station und produzierte diverse Radioformate für Lokalsender.
 

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