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Donnerstag, 30. Juni 2016
Von: Phil Osof
 

Das Zentrum für politische Schönheit hatte inmitten Berlins eine römische Arena aufgebaut. Den hier weilenden Tigern sollten diese Woche Flüchtlinge zum Fraß vorgeworfen werden. Ummantelt wurde hiermit die Forderung, das Einfliegen von Flüchtlingen nicht weiter unter Strafe zu stellen. Für den vergangenen Dienstag wurde eigens das erste Flugzeug gechartert. Am Ende wurde niemand gefressen und kein Flugzeug landete in Berlin. Ein Rückblick.

„Mit Ihrer Hilfe wollen wir der Bundesregierung helfen, die Aufnahme der Menschen zu beschleunigen und vor allem sicherer zu gestalten“, warb das Künstlerkollektiv in einem aufwendig gestalteten Infovideo auf der Internetseite flugbereitschaft.de. Es sollten Spenden gesammelt werden, um eine Maschine zu chartern, die am 28. Juni in Berlin-Tegel landen solle. An Bord: 100 Menschen, die für den Familiennachzug in Frage kämen. Das Zentrum hatte bereits im Vorhinein alle Unterlagen gesammelt, die für Asyl und Aufnahme benötigt werden. Demgegenüber steht ein europäisches Gesetz, dass es schlichtweg verbietet, Flüchtlinge auf illegalen Wege über den Luftweg nach Deutschland zu bringen. Legal wird dieser Weg erst, wenn in einer Botschaft zuvor Asyl gewährt wurde. Etwas, das gar nicht möglich ist, da die deutsche Botschaft in Damaskus zur Zeit – so schreibt es das Auswärtige Amt – „nur eingeschränkt operativ tätig“ ist. Den Menschen bleibt nur der gefährliche Fluchtweg zu Fuß und im Schlauchboot. Deshalb forderten die Künstler die Bundesregierung und den Bundespräsidenten auf, diesen Passus aus dem Gesetz zu streichen und dem Sterben ein Ende zu setzen.

Am 16. Juni lud das Kollektiv ins Gorki-Theater. Im Theatersaal wurde die Bundespressekonferenz nachgebaut. Innerhalb weniger Tage zuvor, wurde bereits der Tigerkäfig auf dem Vorplatz errichtet. Heute soll erklärt werden, was es mit der römischen Arena auf sich hat. „Wie Zuschauer in einem Kolosseum beobachten wir, welche Flüchtlinge den gefährlichen Weg über das Meer bewältigen und welche nicht“, erklärt Yasser Almaamoun den Zuschauern. Er erklärt, welches Spiel an den Grenzen Europas gespielt wird und dass es sich nicht groß von den Spielen der Römer unterscheidet. „Die Politik spielt Theater mit Leben und Tod!“, befindet auch André Leibold, „Das sollte sich nicht mehr ungesehen vor der libyschen Küste abspielen, sondern hier im Herzen Berlins.“ Deshalb öffnete sich also der Vorhang für ein ultrareales Theaterstück in zwei Akten: Der Flugbereitschaft mit dem auf Joachim Gauck getauften Charterflug von der Türkei nach Deutschland und der zeitgleichen Suche nach freiwilligen Flüchtlingen, die sich von den libyschen Tigern in der europäisch-römischen Arena zerfleischen lassen wollen.

Eine Inszinierung – klar; eine sehr geschmacklose, befindet das Innenministerium, eine sehr nötige, befinden Befürworter und Spender dieser Aktion. Das Echo in den Medien und in der Politik könnte kontroverser nicht sein. Aber genau das ist das Ziel des Zentrums für politische Schönheit: Aufmerksamkeit erregen, den Blick auf etwas richten, was sich weit entfernt an der EU-Grenze abspielt. „Ich wurde vorhin gefragt, ob wir gescheitert sind“, erklärte der Gründer Philipp Ruch, nachdem am Ende kein Flugzeug in Tegel landete und auch die Inszenierung kein blutiges Ende nahm. „Das sind tatsächlich nicht unsere Maßstäbe, sondern wir wollen etwas sichtbar machen, was so möglicherweise Ihnen allen oder manchen nicht ganz klar ist.“ Die Politik und das Gesetz – nicht das Geld oder der Wille – ständen zwischen einem Wiederaufleben der Willkommenskultur in Deutschland.

Im Spiel weigerten sich die Tiger schließlich, die Rolle der Bösewichte anzunehmen. Sie würden töten, um zu leben. Wir Menschen töten aus anderen Gründen.  Und die Airline hatte den Vertrag gekündigt, nachdem sie vom Bundesinnenministerium kontaktiert wurde. „Wir sind krachend gescheitert, wenn Sie diesen Maßstab wirklich an diese Aktion legen wollen und wenn Sie sagen wollen: Die Joachim 1 ist hier nicht eingeflogen heute um 19:20 Uhr in Berlin-Tegel – und schon gar nicht ist sie eingeflogen mit den Kriegsflüchtlingen“, so Ruch weiter. Von der Berliner Zeitung habe Ruch bereits vor der Vertragskündigung erfahren, dass die Fluglinie gedrängt werde, den Flug zu stornieren. Die Information komme aus der deutschen Botschaft in der Türkei. Das Bundesinnenministerium twitterte am Dienstagmorgen, eine Stellungnahme. Philipp Ruch gibt sich kämpferisch. „Weil wir Klage gegen die Bundesregierung einreichen in den nächsten zwei Wochen.“ Das Zentrum möchte bis vor das Bundesverfassungsgericht ziehen. Das Bundesinnenministerium habe die humanitäre Notlage der inzwischen 115 Mandanten ignoriert und somit ein schweres Spiel vor dem obersten Gericht.

 

Marc-Philipp Schneider (Phil Osof) arbeitet und lebt als Cross-Media-Journalist in Berlin. Neben seiner Tätigkeit als Chefredakteur von MOVING MAN Infotainment betreut er bei netzwerk recherche die Liveblog-Redaktion. Zuvor arbeitete er unter anderem als Juniorkorrespondent für die Nachrichtenagentur JIJI Press, machte bei Deutsche Welle Station und produzierte diverse Radioformate für Lokalsender.
 

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