Beitrag mit Audio  Meinungsbezogener Beitrag 
Donnerstag, 9. Juni 2016
Von: Phil Osof
 

Neuerdings wollen immer wieder Leute mit mir über Gott und die Welt reden. Und das im wahrsten Sinne: Gott und die Bibel sind mir gleich mehrfach innerhalb einer Woche begegnet. Wenn das für den Leser oder Hörer schon ein Zeichen ist, soll er sich bitte noch bis zum Ende dieser heutigen Kolumne gedulden. Es kommt noch hart auf hart.

Ich bin umgezogen. Das ist ja bereits bekannt. Vorher habe ich am Rand der Stadt gewohnt. Da war es auf eine interessante Art ruhiger als in meiner neuen Wohnung. Dort, wo ich herkam, hörte ich selten meine Türglocke, es sei denn die Nachbarkinder machten Klingelstreiche oder der Paketbote wollte mir eine Bestellung liefern. In meiner neuen Wohnung klingelt es viel öfter – und das, obwohl das Nachbarkind noch ein Baby ist und mein Paketbote ja bekanntlich bei mir nie vorstellig wird. Nein, hier sind es die Zeugen Jehovas, die mit uns über unseren Glauben und die heilige Schrift reden wollen. Einmal bin ich ihnen begegnet, als ich kurz zum Späti gehen und unseren Vorrat an Mate auffüllen wollte. Da standen sie vor meiner Haustür und drückten sehr erfürchtig und geduldig auf Klingelknöpfe und da sich ihnen keiner erbarmte, kam ich wohl gerade sehr gelegen.

„…und wir würden auch gerne mit Ihnen reden“, versuchte mich die eine der beiden Frauen zu überzeugen. Eigentlich hatte ich nicht sonderlich gute Laune und auch nicht die Muße, lange Gespräche zu führen, zumal ich wirklich Lust auf ein richtig kaltes und erfrischendes Getränk hatte. Aber ich bin auch nicht der Typ, der anderen Menschen die Tür vor der Nase zuschlägt, durch die er selber gehen will. Also ließ ich mich auf das Wagnis ein und sprach mit ihr über meine Beziehung zu der Bibel und zu Gott und – zu meinem Erstaunen – hielt das Gespräch nicht lange an. Nur wenige Minuten später saß ich mit meiner ClubMate im Wohnzimmer und sehnte mich zurück an die Haustür. Wie gerne hätte ich weiter mit der jungen Zeugin darüber geredet, wie ich zu Religionen und dem Glauben stehe, was ich von den Zeugen Jehovas halte, von der Kirche und anderen Gemeinschaften. Irgendwie hatte ich das Bedürfnis, mich mit ihr auszutauschen und sie vielleicht ein wenig für meinen teuflischen Abweg zu missionieren. Doch als unser Gespräch gerade in Fahrt kam und ich aufzuzeigen begann, warum es keiner Glaubensgemeinschaft bedarf, um die moralische Botschaft der Bibel zu verstehen, erklärte sie die Kommunikation mit einem kurzen „Okay, schade“ für beendet. Ich wurde quasi von den Zeugen Jehovas gefriendzoned.

Ich saß von meinem neuen Gesprächspartner abgelehnt, alleine und gedankenverloren auf meinem Sofa und wünschte mir irgendeinen Menschen herbei, mit dem ich jetzt und sofort über diesen gottverdammten Gott und seine heilige Schrift reden konnte. Das ist nämlich wirklich ein sehr interessantes und weitläufiges Thema, welches irgendwann in die Frage nach dem Sinn des Lebens mündet und ich philosophiere nun mal aufrichtig gerne, Herr Gott noch mal! Ich selbst bin nicht gläubig. Ich kann mich auch mit den Regeln der katholischen Kirche nicht anfreunden, in die ich mal getauft wurde. Wenn es nach mir ginge, darf jeder Mensch frei denken und leben und seinen Weg gehen, solange er damit versucht, niemanden zu schaden. Von allen Religionen dieser Welt kann man eine Botschaft erhalten, die immerzu die selbe ist: Sei lieb und nett zu den anderen. In der Bibel oder in anderen religiösen Schriften stehen manche Texte, die das unterstreichen sollen. Gott oder Jesus ist für mich ein Symbolbild für den perfekten und offenherzigen Menschen. Wir Otto-Normal-Menschen können nicht perfekt sein, doch wir können versuchen, so nah wie möglich an die Perfektion zu kommen. Wie aber nun der perfekte Mensch aussieht – das muss jeder für sich entscheiden. Klar, das ist jetzt für einen Zeugen Jehovas nicht leicht zu verdauen, doch wer geduldig auf mich einredet, bekommt auch geduldige Antworten. Leider aber klingelte es an diesen Abend nicht mehr bei mir und ich ging davon aus, dass mein Wunsch nach einer Fortsetzung des Gesprächs wohl nicht mehr erhört werde. Es sollte sich herausstellen, dass ich mit dieser Annahme daneben lag. Die Chancen ergeben sich – sie tauchen nur biblisch gesprochen in einem anderen Gewand auf. Nur so viel vorab: Es war kein brennender Dornenstrauch.

Meine Gelegenheit bekam ich nur ein paar Tage später. Ich bin nämlich umgezogen. Und wenn man in eine neue Wohnung zieht, zieht es einen ja nicht nur dorthin, sondern auch in den nächstgelegenen Ikea. Meine Freundin und ich haben uns entschlossen, das Gästezimmer mit einem Schlafsofa auszustatten. Laut Angaben des Möbelhauses bekommt man das „Asarum“ in einem 50 Kilogramm schweren Paket. Quadratisch, praktisch, gut. „Na schön: Das holen wir uns am Wochenende nach Feierabend“, vereinbarten wir uns. Und so stand ich an einem Samstagspätnachmittag auf dem Treffpunkt vorm Fernsehturm und wartete. Und hier war gerade viel los. Die Menschen versammelten sich vor einer provisorisch aufgebauten Bühne und sahen einem Schauspiel zu. Es ging so: Ein junger Typ schien an einem Stuhl festzukleben und andere junge Leute versuchten ihn theatralisch aus seiner Situation zu befreien. Drogen? Halfen nicht. Yoga? Auch nicht. Hin- und her wippen? Nicht die Bohne. Am Ende findet er die Erleuchtung durch die Lektüre eines Buches. Klar, lesen hilft. Wahrscheinlich stand im Buch, dass es Hinderlich beim Aufstehen ist, wenn man sich zugleich am Stuhl festklammert. Ins Mikrofon sagte er aber was anderes: Geholfen habe ihm Jesus. Er steckte früher in großen Schwierigkeiten und fühlte sich alleingelassen und einsam, kam alleine nicht aus seiner misslichen Situation und Jesus persönlich habe entschieden, ihm zur Seite zu stehen. Und ich entschied in just diesem Moment, dass ich auch an einer anderen Stelle auf meine Freundin warten könnte.

Ich lehnte mich an einen Pfahl, wandte mich von dem Geschehen auf dem Platz ab und dem Bahnhof zu. Jeden Augenblick müsste ich dort meine Freundin erkennen und dann würden wir zusammen in die Tram steigen. So lautete mein Plan. Anstelle meiner Lebenspartnerin gesellten sich allerdings zwei fremde junge Fräuleins zu mir. Sie hätten gesehen, dass ich gerade noch in der Gruppe stand, und wollten nun von mir wissen, was ich dazu denke. Es waren nicht die Zeugen Jehovas, diesmal sprach die Freie Evangelische Gemeinde zu mir, eine ultrakonservative und zwielichtige Gemeinschaft. Aber da ich mir die Zeit vertreiben musste und mir durch ihr Auftreten der Wunsch erneut entbrannte, mit jemandem über Gott zu reden, war ich den beiden Missionarinnen gar nicht so abgeneigt. „Was bedeutet dir die Bibel?“, wollte die eine von mir wissen, „Hast du Gott schon mal gespürt?“, die andere. Ich entgegnete ihnen mit meiner Ansicht über Bibel und Gott und daraus entbrannte eine lebhafte aber sehr gemütliche Diskussion, die sich bestimmt über eine Viertelstunde zog. Eine meiner Gesprächspartnerinnen fände es traurig, wenn Gott kein echtes Wesen wäre. Sie selbst habe Gott kennengelernt, er habe zu ihr gesprochen. Und sie habe das Gefühl, dass Gott auch gerade durch sie zu mir sprechen wolle, dass Gott einen Zugang zu mir finden möchte. Und sie betete am Ende für mich, dass Gott diesen Weg auch letztendlich ebnen möge. Wir bedankten uns gegenseitig beieinander für das tolle Gespräch und ich wünschte meinen Gesprächspartnerinnen, dass sie auf ihren Wegen glücklich und zufrieden werden. Und dann gingen wir auch buchstäblich unsere Wege, denn zueinander haben wir wohl nicht gefunden und ich musste ja eh noch zum Ikea.

In der Straßenbahn erzählte ich meiner Freundin von den Mädels auf dem Alex und ihrem Versuch, mich zu bekehren. Dann vergaßen wir aber schnell das Vorkommnis und schickten uns an, das „Asarum“ nach Hause zu hieven. So ein 50 Kilo-Paket ist dann doch nicht so leicht. Es mit dem Einkaufswagen bis zur Tram zu fahren, war zwar eine leichte Aufgabe, es dann aus der Bahn wieder rauszubekommen und dann ohne Wagen nach Hause zu buchten, überforderte uns dann aber total. Ich bin halt doch nur ein kleiner schwacher Junge und meine Partnerin hat zwar viel Temperament und Ausdauer, doch nach drei Schritten war bei uns beiden Schicht im Schacht. Wir hätten das Sofa wahrscheinlich gefrustet an der Straßenecke liegen lassen, wäre nicht Umberto zur Hilfe geeilt. Umberto – das heißt ja schon übersetzt so viel wie junger glänzender Bär – war uns erschienen. Und der Bär bot uns an – er müsse eh in die selbe Richtung – uns beim Tragen zu helfen. Und so geschah es: Meine Freundin und ich trugen gemeinsam die Hinter–, Umberto stemmte alleine die Vorderseite. Anstatt das Möbelstück mit uns nur so weit zu tragen, wie er selbst laufen musste, beförderte unser glänzender neuer Kumpane das Gästebett noch die Treppe zur Wohnung hoch und stellte es an seinem Bestimmungsort ab. Wir staunten nicht schlecht und konnten gerade noch den wegeilenden Retter nach seinem Namen fragen. Seine Adresse wollte er mir partout nicht geben. Anstelle dessen rief er mir noch durchs Treppenhaus zu: „Wie sehen uns wieder! Und dann trinken wir ein Bier!“

Marc-Philipp Schneider (Phil Osof) arbeitet und lebt als Cross-Media-Journalist in Berlin. Neben seiner Tätigkeit als Chefredakteur von MOVING MAN Infotainment betreut er bei netzwerk recherche die Liveblog-Redaktion. Zuvor arbeitete er unter anderem als Juniorkorrespondent für die Nachrichtenagentur JIJI Press, machte bei Deutsche Welle Station und produzierte diverse Radioformate für Lokalsender.
 

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