Beitrag mit Audio  Meinungsbezogener Beitrag 
Donnerstag, 4. August 2016
Von: Phil Osof
 

Hier und da vermischen sich Stadtteile zu irrwitzigen Hybriden. Ich lebe zum Beispiel in einem Kiez, der gerade dabei ist, sich zu gentrifizieren. Er liegt mitten im Wedding, fängt aber an, zwischen Drogencliquen und Trödelläden Sojamilch in den Kaffee zu rühren und veganen Kuchen zu backen. Ich wohne ganz klar im Prenzlauer Berg des Weddings – dem Prenzelwedding.

Eigentlich hatte ich es ein wenig eilig. Ich musste die U-Bahn bekommen, um noch pünktlich zu einem Termin zu gelangen. Ich hätte noch Zeit, mir schnell einen Kaffee-to-go zu holen, den ich dann gemütlich während der Fahrt schlürfen könne, dachte ich mir. Super, dass ich auf dem Weg von meiner Wohnung zur Station eh stets an einem schönen und modernen Café vorbei komme, welches ich schon immer mal austesten wollte. Das ist ideal für mich, dachte ich, weil ich damit nicht nur meinen morgendlichen Kaffee zum Mitnehmen bestellen kann – das Getränk ist dann wahrscheinlich auch noch mit viel Liebe und für meinen verwöhnten Gaumen geschmackvoll zubereitet. In den ersten Wochen meines neuen Lebens im Wedding schaffte ich es allerdings nicht, dieses Etablissement aufzusuchen. Jetzt könnte ich diesem Laden aber ja mal eine Chance geben. Also lief ich schnurstracks in das Geschäft.

„Einen Cappuchino zum Mitnehmen, bitte“, bestellte ich.

„Okay. Wir haben allerdings nur To-Go-Becher aus Porzellan“, erwiderte die Verkäuferin. Das war für mich zwar neu, aber durchaus okay. Keine Pappbecher also, sondern so Thermosbecher? Cool, dachte ich mir.

„Die geben wir gegen Pfand raus“, erklärte sie. Auch das war für mich vollkommen okay. Tolle Ideen, die der Umwelt gut tun, muss man eh unterstützen.

Ich nickte also, bezahlte mein Pfand und bekam anstelle des erwarteten coolen Thermosbechers nach gefühlten zwei Sekunden einen piepnormalen Porzellankaffeebecher in die Hand gedrückt – beinahe halb gefüllt mit gar nicht mal so warmen Cappuchino aus einer Automatik-Brausemaschine. Hui, was für eine Enttäuschung. Und das für einen wahnwitzig hohen Preis. Hier bezahlt man nämlich nicht für die Zubereitung, sondern den ökologischen Gedanken dahinter.

Ich meine, im Grunde ist das Konzept wirklich schön gedacht: Diese fair gehandelte (aber schlecht zubereitete) Kaffeebohne gibt es nicht in umweltverschmutzenden Pappbechern, sondern nur in wiederverwendbaren Behältnissen auf Pfand. Öko und gut. Nur praktisch ist das natürlich nicht. Schmecken tat es auch nicht. Ich war äußerst enttäuscht. Erst mal läuft es sich ziemlich langsam mit einem Porzellanbecher, zweitens sieht man sehr eigenartig aus und außerdem hat man im Nachhinein auch noch ein Problem mit dem Verstauen des dreckigen to-go-Geschirrs. Das, was ich dann an Taschentüchern in den Becher stopfte, damit Buch und Block in der Tasche nicht mit Milchschaumresten besudelt wurden, hätte man wahrscheinlich ebenso dazu verwenden können, um einen nicht wirklich ökologischen Wegwerf-To-Go-Becher herzustellen.

Mit dem Teil mal eben schnell zur U-Bahn zu laufen, war gar nicht mehr möglich. Nein: Der moderne Porzellanbecherkaffeetrinker begeht „zügiges Schlendern“ – er hat nämlich gar keine andere Wahl.

Diese Situation hatte ich mir selber zuzuschreiben. Ich selbst bin auf die Idee gekommen, mir noch schnell einen Becher Kaffee zu holen. Und ich hatte – voilá – buchstäblich einen Becher bekommen. Ich hatte nur einfach mit sowas überraschend speziellem im Wedding nicht gerechnet. Ein veganes Fairtrade-Café hätte ich hier einfach nicht erwartet. Ich sehe es zwar selbst nicht so eng, doch für viele gilt der Wedding noch als dreckig und gefährlich. Ich werde oft tatsächlich oft darauf hingewiesen, welch schlimmen Kiez ich mir denn ausgesucht habe. Nächstes Mal antworte ich einfach mit: „WIR haben hier sogar schon vegane Cupcakes! IHR trinkt euren Kaffee wahrscheinlich noch aus Pappbechern! …“

Der Leopoldplatz, über den ich nun mit dem Cappuchino wandelte, ist ein großer Drogenumschlagsplatz. Hier treibt sich anscheinend schlimmes Gesindel herum. Er ist bei der Polizei als „Gefahrengebiet“ eingestuft. Das soll heißen, dass die Beamten hier besondere Rechte genießen und verstärkt kontrollieren können. Manchmal ist es auch echt dreckig. In den meisten Fällen, kommt mir die Umgebung hier aber äußerst familienfreundlich und gemütlich belebt vor und sie scheint mir besser als ihr Ruf zu sein. Es hat sich aber auch viel getan in den letzten Jahren.

Als ich zum ersten Mal im Jahr 2009 in diesen Stadtteil zog, fiel es auch nicht sonderlich schwer, eine Wohnung zu finden. Ich weiß noch, dass zu dieser Zeit die Schlagzeilen von einem Mord in gerade jener U-Bahn-Station beherrscht wurden, die meiner Wohnung am nächsten lag. Auch heute gilt der Wedding nicht als sauberster Stadtteil – und das ist er auch nicht – doch die Nachfrage nach freien Wohnungen ist ungeheuer gestiegen. Das liegt auch daran, dass man hier noch zentral und dennoch vergleichbar günstig leben kann. Gerade zwischen Leopoldplatz und Seestraße scheint sich einiges zu entwickeln. Das zieht auch viele Familien her, denen der ‚Prenzelberg‘ zu spießig ist. Schon 2005 siedelte sich hier ein Burgerrestaurant an, dass sich sehr von den Shisha-Bars und den verrauchten Absteigen unterschied. Es traf bei mir von Anfang an auf Gefallen, sorgte aber unter den Alteingesessenen für Gentrifizierungspanik. Heute gibt es das Restaurant noch immer und es ist stets mit Kundschaft gefüllt. Drum herum gibt es einen gesunden Mischmasch aus Spätis, Kiosks, Bäckereien und komischen 90ger Hardwaregeschäften mit Handyhüllen und Ladegeräten und an jeder Ecke bieten Krimskrams-Läden gebrauchte Möbel, Kleidung und Schnickschnack aus Wohnungsauflösungen für wenige Euro an.

Die Menschen, die hier leben, sind ebenso verschieden. Junge Leute, Familien, Rentner aller Nationalitäten haben sich hier niedergelassen und pflegen und hegen die Straßenzüge mit einer unglaublich liebenswürdigen Sorgfalt, die ich sonst nur aus Schöneberg kenne. Die kleinen Grünflächen zwischen Straße und Gehweg wurden im Laufe der Zeit zu Blumenbeeten umfunktioniert, auf den Plätzen treffen sich die Menschen zum gemeinsamen Mittagessen und zum musizieren(!) und die Stadt errichtete an unglaublich vielen Stellen Spielplätze für die ganz kleinen unter uns. Es ist einfach ein sehr gemütlicher und gemeinschaftlicher Abschnitt des Weddings.

Und auch, wenn ich meine U-Bahn nicht mehr bekommen habe, hat mir die ungewollte Pause einen glücklichen Moment und einen interessanten neuen Blickwinkel auf meine Umgebung ermöglicht. Zwischen neumodischem Urbangardening und dem lauten Wochenmarkt blieb ich für einen kurzen Augenblick stehen, nippte an meinem lauwarmen Cappuchino und gestand mir ein, dass dieser chaotische und weltoffene Kiez und ich sehr gut miteinander harmonieren. Hier flaniere ich gerne – das nächste Mal aber mit einem praktischeren Öko-Thermosbecher.

Marc-Philipp Schneider (Phil Osof) arbeitet und lebt als Cross-Media-Journalist in Berlin. Neben seiner Tätigkeit als Chefredakteur von MOVING MAN Infotainment betreut er bei netzwerk recherche die Liveblog-Redaktion. Zuvor arbeitete er unter anderem als Juniorkorrespondent für die Nachrichtenagentur JIJI Press, machte bei Deutsche Welle Station und produzierte diverse Radioformate für Lokalsender.
 

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