Dienstag, 4. August 2015
Von: Phil Osof
 

Der Journalismus hat Probleme. Verlage vermelden schon seit Jahren einen Rückgang der Verkaufszahlen, das Budget für guten Journalismus wird knapper. Viele Häuser sehen das grundsätzliche Problem in dem fehlenden Vertrauen gegenüber der Presse, andere schieben es auf das Überangebot der Informationen. Man ist hin- und hergerissen, welcher Weg wohl der richtige sein soll, um dem Zeitungssterben entgegenzuwirken. Der moderne Journalismus braucht aber etwas ganz anderes.

Die Diskussion über die Krise der Medienhäuser ist nicht wirklich neu. Sie lässt sich sogar bis in die Jahre 1991, 1992 zurückführen. Damals verkaufte die Treuhandanstalt (ein Überbleibsel aus der DDR) die ostdeutschen Lokalmedien an West-Verlage. Die Privatisierung brachte viele Medien Leipzigs ins Straucheln. Gerade in der Stadt, in der 1650 die Tageszeitung erfunden wurde, verloren etliche Blätter auf dem geöffneten Markt ihre Stellung. Bis heute gibt es in Leipzig nur noch eine einzige Tageszeitung. Doch während man in den Neunzigern von Konkurrenzdruck bedroht war, wird die Ursache heute woanders vermutet. Das wohl berühmteste Argument liegt dem Verlust der Glaubwürdigkeit gegenüber der Presse zugrunde, andere meinen, den Ursprung aller Probleme in der immer gewaltiger werdenden Informationsflut zu sehen. Alle machen aber einen gemeinsamen Punkt: Die Situation ist verheerend; die Zukunft des Journalismus bedroht.

Glaubwürdigkeit in Zeiten der „Lügenpresse“

Natürlich ist auch die Bezichtigung der Propaganda eine naheliegende, wenn man sich die sich häufenden „Lügenpresse“-Rufe von Demonstranten anhört. Der Journalismus sei auch deshalb in der Krise, schlussfolgert man seit den ersten Protestmärschen von PEGIDA, weil ihm Werbung vorgeworfen wird. Redaktionen haben große Probleme, den Hasskommentaren unter ihren Online-Beiträgen Herr zu werden. (Wir diskutierten bereits über Shitstorm im Internet) Häufig wird dabei die Glaubwürdigkeit des Beitrags in Frage gestellt. Die Medien werden für jeden Fehler zur Rechenschaft gezogen. Es ist einfacher denn je, da heute schneller reagiert wird. Und die Kritik ist heute effektiver, weil sie schneller von anderen gelesen und aufgegriffen werden kann. Das ist total legitim und ok. Jeder darf seine Meinung beitragen und eh ist dem Journalisten ebenso an der Wahrheit gelegen. Auf Fehler hinzuweisen und für mehr Wissen zu sorgen, ist also grundsätzlich gut. Die Journalisten werden allerdings auch oftmals zu Unrecht bezichtigt, ein höheres Ziel als die Berichterstattung zu verfolgen. Ihnen wird vorgeworfen, sie würden nicht aufklären, sondern manipulieren wollen. Die Idee, der neutrale und unbestechliche Journalismus stehe anstelle des Bürgers an vorderer Front, wird umgekehrt zu einer Auffassung, die Medien seien ein Instrument von einer kleinen herrschenden Riege. Die Journalisten werden nicht mehr als vierte Macht gesehen, die die Regierung im Schach hält, sie tragen im Gegenteil zur Kontrolle des Volks bei.

Während der Ukraine-Berichterstattung aber waren die Kommentarzeilen nicht nur deshalb voller Propagandabezichtigungen, weil sich nur Anhänger der gegenseitigen Meinung zu Wort meldeten. Die Artikel werden heute auch deshalb nicht ernst genommen, weil der Journalismus sich noch von Nachwehen rehabilitieren muss. 2003 war die Berichterstattung nämlich als sehr nah an amerikanischer Propaganda im Irak-Krieg aufgeflogen. Das Vertrauen der Menschen in ihre Medien war erschüttert. Das merkt man auch noch 10 Jahre danach.

Glaubwürdigkeit in Zeiten von Überinformation

Letztens wurde ich nach meinem Beruf gefragt. Als ich antwortete, ich sei Journalist, war die Folgefrage meines Gegenübers: „Und? Wo schreibst du ab?“ Die Behauptung, dass Journalisten nur beieinander abkupfern und sich dadurch eine Meinung abseits der Wahrheit bilden, wird gerne gemacht. Dies haben sich die Medienhäuser auch selber zuzuschreiben. Die Welt wird immer schnellläufiger und erst Recht bei der tagesaktuellen Berichterstattung werden Agentur- und PR-Meldungen nicht nur als Quelle genutzt, sondern oft fast wortgetreu und ungeprüft abgedruckt. Die Skandalwut und der Aktualisierungswahn führt dazu, dass die Redaktionen versuchen, sich gegenseitig mit den neusten Schlagzeilen zu übertrumpfen, ohne auf den Wahrheitswert nur einen Deut zu geben. Umso schnelllebiger der Meinungsaustausch im Internet funktioniert, desto schneller müssen auch die Medien sein. Heute sehen wir gerade durch Fragen wie „Bei wem schreibst du ab?“: Die Quantität überholt die Qualität. (Wir diskutierten ebenso bereits über die Quantität im Journalismus) In der Schnelligkeit dieser Berichterstattung liegt der Fehler nicht nur begraben – er ist vollkommen offensichtlich. Da wird auf einen Sturm von Hysterie aufgesprungen, den man selber noch weiter anfacht. Längst haben die Leser selber Worte der Vernunft verlauten lassen. Wenn wir noch mal zurück zum Germanwings-Absturz gehen, lässt sich die Effekthascherei der Medien sehr klar erkennen, die keine Zeit verstreichen ließen, um Informationen zu prüfen. Sie wollten genau so schnell sein, wie das Internet sich bewegt. Aber auch beim Bahnstreik der GDL hat sich gezeigt, dass es am einfachsten ist, die wütende Masse anzuführen. Klaus Weselsky war das Opfer einer Stimmung, die von den Medien weiter angeheizt wurde. Dritter Juli: Auf der Jahrestagung von Netzwerk Recherche in Hamburg sollte dieses Thema genauer beleuchtet werden. In einem Saal voller Journalisten fand Aufarbeitung statt. Nicken und Schweigen, während Weselsky erzählte, er habe Angst um seine Familie gehabt, als die Adresse seines Wohnhauses in der Presse propagiert wurde. Wieder Nicken, Verständnis, Schweigen. Eine schuldbewusste Geste vieler Journalisten, die den GDL-Chef zum ersten Mal als Mensch und nicht als News wahrnahmen. Seinen Ruf wird das aber wohl nicht retten.

Als ich im Jahr 2012 auf dem Heidelberger Symposium mit dem damaligen Mitherausgeber der FAZ, Günther Nonnenmacher, zusammentraf, fragte ich ihn, wie sich große und vergleichsweise langsame Medien (wie die gedruckten Tageszeitungen) überhaupt in Zukunft noch über Wasser halten wollen. Ich sprach ihn auf die trendenden Blogs im Internet an – auch vor drei Jahren wurde darüber schon diskutiert. Mit Qualitätsjournalismus hätte das nichts zu tun, war seine Antwort. Nonnenmacher zeigte sich optimistisch, dass der Journalismus sich gerade durch seine Tugenden schon durchsetzen werde.

Die Tugenden des Journalismus

Aber gerade jene Tugenden verliert der Journalismus im Kampf um die beste und schnellste Schlagzeile. Die Aufgaben, Informationen zu sammeln, kritisch zu hinterfragen, im Kontext zu betrachten und auszuwerten, lassen sich nicht innerhalb von wenigen Minuten erfüllen. Guter Journalismus braucht Zeit. Die Qualität des Endprodukts zeichnet sich durch ein Fundament aus, das durch reichliche Überlegung und eine recherchierte Faktenlage betoniert wird. Schlussfolgernd braucht der moderne Journalist zwei mal Mut. Das erste Mal, da die Angst vor dem Zeitungssterben und das Wegbrechen von Anzeigenschaltungen uns vergessen lässt, dass die Entwicklung der Technik viele neue Wege der Darstellung und Verbreitung eröffnet. Das Papier stirbt, doch die Information lebt weiter. Der moderne Schreiber sollte keine Angst vor Neuerungen haben. Er ist ein Profi auf dem Gebiet der Darstellung von Informationen: Willkommen auf einem neuen Abenteuerspielplatz! Und das zweite Mal Mut braucht er, um der Versuchung der Schnelllebigkeit zu widerstehen. Im Internet ist eine Kraft entstanden, die selbstständig agiert und funktioniert. Sie ist schnell und neigt zu übertriebener Hysterie. Die Aufgabe des Journalisten ist es, der Ruhepol zu sein und den Wirr der Informationen zu entheddern. Er schaut sich das Zeitgeschehen an, sammelt Eindrücke und Wahrheiten, hinterfragt und analysiert sie und sorgt für eine qualitative Aufarbeitung der Informationen. So wird er sich von der Quantität abheben – und so klappt es dann auch mit der Glaubwürdigkeit.

Marc-Philipp Schneider (Phil Osof) arbeitet und lebt als Cross-Media-Journalist in Berlin. Neben seiner Tätigkeit als Chefredakteur von MOVING MAN Infotainment betreut er bei netzwerk recherche die Liveblog-Redaktion. Zuvor arbeitete er unter anderem als Juniorkorrespondent für die Nachrichtenagentur JIJI Press, machte bei Deutsche Welle Station und produzierte diverse Radioformate für Lokalsender.
 

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Cover: vaticanus / flickr.com

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